Kategorie: Portraits



BW: Du hast jetzt eben schon so viel erzählt: Dass du Skulpturen machst, ich weiß, dass du malst.Was machst du noch alles?
KD: Ja, Photographie!
BW: Stimmt. Hätte ich auch drauf kommen können. Wenn du dich beschreiben müsstest: Was für eineArt Künstlerin bist du? Kannst du das überhaupt?
KD: Ja, es ist ein bisschen schwer. Man kann mich tatsächlich als intermedial bezeichnen, weil ich gerne Künste zusammenführe, wie zum Beispiel Metall mit Klang. Das heißt, die Skulptur klingt auch.
BW: Bist du die, die sie zum Klingen bringt, oder auch der...
KD: Nee, meistens Interpreten, die Musiker sind. Das bin ich nicht.
BW: Ah, okay, das heißt, du gibst das dann in andere Hände.
KD: Ja, und der ist frei und darf selber letztendlich entweder improvisieren oder ein Stück, das erkennt , selber spielen und - was ich dir vorhin erzählt hab - da habe ich eben Skulptur, also bildendeKunst, mit Theater verbunden. Ich habe eine Skulptur gemacht, die „Himmelsleiter“, von der ich dir erzählt hab, aus Stahl, die sehr schlank ist, und fünf Meter fünfzig in den Himmel ragt. Sie ist eine Bewegung, also sie ist so wellenförmig, und das Buch, Henry Miller, von Henry Miller, kommt mir gleich der Titel wieder, daraus ist das...
BW: Ich kenn nur „Wendekreis...“
KD: Nee, es ist ein Clown, der will zum Mond und schafft das nicht. Der bleibt dann liegen und weint. Und jetzt bin ich damit gerade überfordert, den Titel dir zu sagen.
BW: Macht nichts.
KD: Hol ich nach.
BW: Aber das hat mit der Leiter zu tun.
KD: Und das war auch eine Kombination von zwei Künsten, also intermedial, und zwar in diesem Falle halt Theater und Skulptur, weil da eben ein Schauspieler das Buch von Henry Miller oder die Geschichte, den Plot von Henry Miller nachgespielt hat, als Pantomime auf der Leiter. Bei einer Vernissage.
BW: Du hattest mir das ja vorhin schon erzählt, dass es dazu eine Performanc e gab, und das klang aber so fernab von dir. Das heißt: Hattest du ihn beauftragt, das zu tun?
KD: Ja.
BW: Er hat nicht nur die Leiter dazu benutzt, sondern das war auch deine Idee.
KD: Ja. Ich habe ihn eingeladen, bezahlt, und also auch ein Profischauspieler, den man bezahlen muss. Und ihm auch das Thema vorgegeben, aber die Interpretation hat er dann selber gemacht.
BW: Und warst du zufrieden?
KD: Ja, sehr. Ich wusste ja auch, wen ich einlade.
BW: Okay. Das heißt, du wagst auch, Dinge aus der Hand zu geben, also das ist das, was ich jetzt gerade gemerkt habe. Du machst was, aber du gibst es dann auch an andere weiter und dann guckst
du, was passiert.
KD: Ja.
BW: Was machst du dann wieder damit? Oder: Passiert noch wieder was mit dir? Gehst du dann wieder in Interaktion?
KD: Nee, ich lasse es meistens so stehen. Diese zwischenmenschliche Interaktion hat eine Schönheit, eine Poesie, die man nicht wiederholen kann, und dieses Erlebnis bleibt im Herzen.
BW: (lacht) Das ist das Schönste, was du jemals zu mir gesagt hast! - Okay, also, was ich daraus höre – O Gott (lacht) – ist, dass es dir ganz doll um den Moment auch geht.
KD: Ja.
BW: In so einer Ausstellung, wenn du in die Öffentlichkeit gehst, geht es dir auch einfach darum, diesen Moment festzuhalten.
KD: Ja.
BW: Was ist dir da wichtig?
KD: Die Poesie. Poesie bedeutet für mich etwas Ungreifbares, das plötzlich vorbeifliegt, was einen enthebt von der Alltäglichkeit, was dem Leben eine neue Dimension oder eine andere Dimension gibt. Einen Sinn dahinter.
BW: Und diese Poesie – also ich selber assoziiere Poesie mit Worten. Du scheinst es anders zu definieren. Kannst du mir sagen, was für dich Poesie bedeutet, also welches Medium braucht es? Oder
gibt es noch etwas wichtiges, was für dich dazu gehört?
KD: Es können alle Medien sein. Die Idee kommt plötzlich, irgendwo, und ist dann da, und ich versuche, das so gut wie möglich umzusetzen. Das heißt zum Beispiel, du kennst doch mein Bild „Worauf warten?“, ich auf dem Fahrrad in der Elbe.
BW: Ja.
KD: Findest du das poetisch?
BW: (lacht) Ja, ich glaube, wenn du jetzt sagst, das ist eine Poesie, die du damit ausdrücken willst, glaube ich zu wissen, was du damit meinst. Also vielleicht nicht das gleiche wie du, wie das ja immer so ist, ja, aber ich sehe darin eine Poesie.
KD: Also das versuche ich jedenfalls in dem Besucher oder in dem, der mein Bild anguckt, zu erzeugen, dass er eine Weite spürt, also deswegen ist es auch eine Weitwinkelaufnahme, es geht ums Ganze, ums Generelle, nicht um den Ausschnitt „Ich auf dem Fahrrad“, sondern auch die Umgebung. Und die soll klar sein, deswegen sind das alles horizontale Linien. Das Ufer hinten, das Ufer vorne, der Fluss und der Himmel. Und ich auch, ich bin zentraler Punkt im Bild, schwarz gekleidet auf einem schwarzen Fahrrad. Das hat eine graphische Qualität, die etwas Abstraktes hat aber auch etwas Verallgemeinerndes. Es soll nicht so individuell sein. Ich bin ein Zeichen für etwas, ein Synonym. In diesem Fall ist der Titel wie gesagt „Warum warten?“. Das heißt, hinter dem Bild steht ein Wunsch, ein Gedanke, Lust, eine Einstellung. Man kann damit vieles assoziieren. Zum Beispiel einen Flüchtling, der, wenn er stehenbliebe oder auf die Ebbe wartete, sterben würde. Das heißt, ich fahre mit dem Rad durch die Flut. Und es kann ein Symbol dafür sein, dass man ackert und ackert, aber nicht weiterkommt, denn jeder weiß, dass du im Wasser nicht radfahren kannst, da kippst du um. Bin ich ja auch tausendmal, hab mich ja sogar verletzt.
BW: Ich wollte gerade sagen, du hast sogar einen Fußnagel verloren, wenn ich mich richtig erinnere.
KD: Willst' den mal sehen? Ach nee, das sieht ja keiner, das ist ja nur Sound. Das sieht immer noch scheiße aus, und ich frag mich gerade: Jetzt wird’s warm, und wie kann ich denn jetzt mit Sandalen
rumlatschen? Ich will meine Fußnägel wieder lackieren können, und das sieht so kacke aus, wenn da schon so'n verwarzter großer Zeh ist, den du nicht lackieren kannst!
BW: (lacht) Also: Leiden für die Kunst! Was bedeutet das für dich?
KD: Es geht nicht anders, das ist so. Es ist immer so. Ich leide am meisten, wenn ich sie nicht mache. Also ich leide lieber mit der Kunst oder für die Kunst, als: Ohne Kunst ist es noch schlimmer.
BW: Also das ist tatsächlich auch das, was mich jahrelang beschäftigt hat, diese – ich nenn' das immer Ventilfunktion der Kunst. Kannst du damit was assoziieren? Ist das für dich auch so wichtig? Also dieses Gefühl von – also das ist jetzt gar nicht bei mir unbedingt, dass ich jetzt sage, ich muss Kunst machen, sonst geh ich ein, sondern mehr so, das mich an den Leuten, die ich, deren Kunst ich mag, der Eindruck, den ich habe, dass die eingehen würden, wenn sie es nicht täten, so fasziniert.
KD: Also es hat ja nicht immer mit Tun zu tun, also plötzlich kommt es hervor, die Idee, und dann hat man natürlich den Druck, das machen zu müssen, sonst geht’s einem schlecht. In dem Moment
stimmt das. Aber ansonsten kann man auch einfach so leben und warten und vielleicht den Blick nicht verlieren, für's Generelle oder das Feine. Wenn man sich keinen Raum dafür gibt, dann ist schlecht, dann geht’s einem schlecht.
BW: Das heißt, gibt es was, wo du dir ganz bewusst sagst: Das mache ich, um mir meine Kreativität, um mir meine Kunst oder das Künstlerische in meinem Leben zu erhalten?
KD: Nee, mach ich nix.
BW: Aber es ist ja da? Oder?
KD: Ja, das war schon immer da.
BW: Also, und das ist nämlich was, was mich jetzt fasziniert, weil ich ja mit ganz vielen Leuten schon gesprochen habe, und für viele ist das gar kein Thema, Ventilfunktion der Kunst. Die sagen, ich ringe da nicht rum, die kommt einfach.
KD: Ich sag ganz bösartig: Das ist für andere, die eben halt durch die Kunst Therapie, dies als Mittel benutzen, damit es ihnen besser geht ... also für alle Kunst zugänglich, aber nicht selbstverständlich.
BW: Also ich jetzt als total plumper Laie, der von Kunsttherapie ja keine Ahnung hat: Wo ist für dich der Unterschied zu Kunst und Kunst in der Therapie?
KD: Naja. Es heißt ja angeblich, Kunsttherapie soll was bezwecken. Was ich bezweifle. Man soll sich nicht einbilden oder anmaßen, dass man wirklich was bewirkt. Das kann passieren, es muss nicht. Ich behaupte auch nicht, dass alles, was produziert wird, da Kunst ist, sondern man gibt dem Klienten einen Freiraum. Kunstbegriff ist eh schwierig definierbar. Kannst 'ne Laus angucken: Ist Kunst. Du weißt das bestimmt am besten, Turner Prize vor ein paar Jahren, England, ich weiß nicht mehr, zwanzigtausend Pfund oder was dotiert, da hat jemand so'n Blu-Tack, du weißt ja, was das ist, ne? Diese Bubbles, die du da an die Wand backst, damit du da ein Photo drauf bappen kannst. Irgendwie noch genau geguckt, wie, wo passt das am besten, da hat er das rangematscht – und den Turner Prize gewonnen! Jaaa! Das heißt: Alles ist Kunst oder nichts ist Kunst, das ist heutzutage undefinierbar!
BW: Wo ziehst du denn für dich die Grenze? Woran nimmst du jetzt wahr, das ist jetzt Kunst?
KD: Na ich maße mir nicht an, dass ich es alles weiß oder beurteilen kann, also andere, die haben – eben andere Blickwinkel, und für die ist das dann Kunst und für mich nicht, also das ist halt eine Frage der subjektiven Wahrnehmung.
BW: Die du dir aber dann auch rausnimmst, so. Also, kannst du die anderen stehenlassen, wenn die sagen: Das ist Kunst! Und du sagst, das ist keine Kunst?
KD: Genau. Also für mich ist das dann irgendwie...
BW: Für dich ist das dann eben keine, und dann ist es eben so.
KD: Ja. Oder es ist Scheiße statt Kunst, ja. Oder es ist Scheiß-Kunst. Ich hab soviel Scheiß-Kunst gesehen, das glaubst du gar nicht. Gerade in Berlin, ey Alter, man selber macht, denkt „einigermaßen okay“, und so, und dann siehst du dann, gehst du dann los und willst so irgendwie was erleben, und was ist so los in der Szene, so ey, ooooh, hab ich abgekotzt. Lieber in 'ne Kneipe.
BW: Okay, gut, das heißt, was braucht für dich Kunst? Kannst du das irgendwie greifen? Also jetzt nicht dieses: Wo fängt Kunst an und wo hört Kunst auf, sondern: Um für dich gute Kunst zu sein, was braucht es?
KD: Magie.
BW: Also Poesie, Magie, das ist so das, also wirklich, da bin ich wieder beim Moment, ne?
KD: Ja, beim Aha-Moment! Es muss einen, ja, mir fällt das Wort nicht ein, animieren, überzeugen, es muss einen packen, ja, mitnehmen.
BW: Und was mit einem machen.
KD: Ja. Genau, machen, ja.
BW: Wenn du jetzt auf deine lange lange lange lange Erfahrung zurück guckst. Was ist das allerwichtigste Werk, das du jemals für dich geschaffen hast?
KD: Das Feuersteinauge. Ich hab einen kleinen Steinbildhauerkurs mitgemacht, kein Riesenlehrgang, um das Material kennenzulernen und die Art und Weise, wie man damit umgeht. Natürlich gibt es tausend verschiedene Steinsorten, ich hab das einfachste genommen, Sandstein, es ist schön, kriegst du auch irgendwann mal ein Ergebnis. Nicht so frustrierend wie Marmor, ne, und auch nicht so ungesund. Weil das nicht so'n Feinstaub gibt.
BW: Ich wollte gerade sagen: im Sinne von COPD und so.
KD: Ja ja, du musst dann immer Maske tragen, das ist dann auch irgendwann nicht mehr so romantisch. Und es war herrlich. Ich hab diesen Klotz gehabt und vorher schon die Idee, dass ich das mache, das ist mir einfach gekommen, weil ich mit Kain Karawahn, einem sehr wichtigen Partner über Jahre, also ich hab mehr für ihn gearbeitet als er für mich, Feuerkünstler. Und ich saß irgendwie bei ihm in der Gartenlaube am See und ich hatte die Idee: Ich mach da in meinem Kurs in Italien ein Feuersteinauge aus Sandstein. Ich hatte genau die Maße im Kopf, genau die Idee, hab die Zeichnung gemacht, ja, und bin dann mit ein paar Kollegen nach Italien gegurkt, und da sagte der Leiter der Gruppe, der Lehrer: Ja, was wollt ihr denn machen? Und probiert doch erst mal rum! Und ich hatte halt ein volles Konzept. Was bei Bildhauerei auch gut ist. Du musst vorher wissen, was du willst, denn weg ist weg, da kannst du zumindest bei Holz und bei Stein nicht so richtig gut ranbacken. Bei Stein schon gar nicht, außer ... naja, egal, außer du pfuscht mit Zement rum. Das wollte ich aber nicht. Ja, und dann hab ich mich durchgesetzt, und dann habe ich gesagt, ich will das machen. Und wenn ich das nicht machen darf, dann mach ich nix. Ja, dann mach ich hier in Italien Urlaub, ist auch schön. Durfte ich natürlich machen, meinen Kram, und bin denn also wieder zurückgefahren nach Berlin mit dem Zug und so, und hab das organisiert, dass der Feuerstein, das Feuersteinauge, also Augenform, Loch in der Mitte, ich sag jetzt mal wie viel Kilo, keine Ahnung, also es müssen zwei tragen, allein geht das nicht, keine Ahnung, sechzig, achtzig Kilo...
BW: Also sehr groß. Was?
KD: Sechzig, achtzig Kilo, hundert Kilo.
BW: Was?
KD: Achtzig Kilo. Sechzig Kilo dann eben! Also schon schwer, also guck mal, ja, so! Das witzige war, ich hab das echt aus Berlin organisiert, dass die mir das Teil irgendwie mal 'rüber organisieren. Wurde also von Kollegen dann von Italien nach München transportiert, das Ding, und dann auf einer Insel, weil die weiterfahren wollten auf der Autobahn, also auf einer Insel an einem Kreisel abgelegt, und dann hat das ein Kumpel aus München wieder eingeladen in einen niegelnagelneuen BMW, weil der da arbeitet als Designer und mir nach Berlin gebracht. Geil, ne? Ja, die sind alle gar nicht so, wie man denkt. Ja, das war toll.
BW: Hast du es auch irgendwo ausgestellt?
KD: Nee, ich hab das photographiert und ich hatte irgendwie so'ne Möglichkeit, Postkarten machen zu lassen, und dann hab ich davon Postkarten machen lassen. Hab ich das mal ausgestellt? Hab ich vergessen. Doch, in Italien hatten wir eine Endausstellung, ja, das war ganz schön, so eine Galerie. Und ansonsten, wo habe ich das ausgestellt? Ja doch, ich hatte immer so 48 Stunden Neukölln Gruppenausstellungen, da habe ich so meine ganzen aktuellen Skulpturen immer ausgestellt, das stimmt. Da habe ich das auch angezündet, also wie gesagt, Feuersteinauge...
(Unterbrechung durch einen sehr alten Herrn, der einen Kaktus braucht, da wir uns an einem geschlossenen Gemüsestand auf dem Großneumarkt befinden)
KD: .... Passt doch zu unserem Interview. Künstler bestimmt, Samstagabend 'n Kaktus kaufen am Marktstand... Ich bin noch nicht fertig.
BW: Wir waren noch bei deinem Auge.
KD: 48 Stunden Neukölln, genau, inspiriert ist das eben ... ich hab das also mit Feuerpaste gefüllt das Auge, musst dir also vorstellen: Pupille ist so'ne Art Loch, nicht ganz runter im Stein, sondern so'ne Mulde, so halb runter im Stein, und das Auge liegt da so und dann tust du da Feuerpaste rein und zündest die an und dann sieht das da sehr schön aus. Und jetzt liegt es bei mir auf der Terrasse.
BW: Das wäre meine nächste Frage gewesen: Gibt es das noch? Alles klar, super!
KD: Können wir ja nächstes Mal anzünden im Sommer dann auf der Terrasse.
BW: Gerne, das gucke ich mir gerne an.
KD: Und dann kaufe ich dir ein schön dunkles Duckstein oder schönes Irish Ale und dann kriegen wir ein schön kühles Bierchen und Bratwurst, du bist doch kein Vegetarier, oder?
BW: (lacht) Nicht wirklich, nee. War ich lange, aber nicht mehr. Also, was ich jetzt nochmal zusammenfassen muss: Du hast mir jetzt schon von Stein erzählt und dass du einen Bildhauerkurs quasi gemacht hast. Du hast von dieser Schweißarbeit mit deiner langen Metallleiter erzählt....
KD: Dafür habe ich auch einen Kurs gemacht.
BW: Ich habe deinen Tisch gesehen....
KD: Ich habe Malerei und Zeichnung studiert. Zeichnen, ja, und dann bin ich in der Multimediaklasse gelandet, also ich habe auch Filme gemacht.
BW: Du hast ja mal gesagt, man kann deine Kunst gar nicht zusammenfassen...
KD: Nee, ich tob mich aus!
BW: ...worauf ich ja gesagt habe: Sieh dich als Universalgenie (lacht)!
KD: Ja und wie, sowieso!
BW: Ist das schwer, das in Worte zu fassen oder überhaupt auf eine Liste zu prügeln, was du alles schon angefasst hast, wahrscheinlich, ne? Und wie wichtig ist dir das Material? Also was mir noch als Frage kommt: Gehst du von der Idee aus, ist es das, was du ausdrücken willst, oder gehst du von dem Material aus? Wovon gehst du aus, wenn du ein neues Werk angehst?
KD: Ja, man hat Phasen. Ich hab, wie gesagt, also richtig gründlich Malerei und Zeichnung studiert. Und irgendwann war ich es leid, also ich hab auch für heutige Verhältnisse lang studiert, sechs Jahre. Das bedeutet, zuerst Zeichnen und dann Malerei, und zwar richtig von Grund auf zeichnen. Mit Proportionen und hier und da, und dann mit Malerei, mit richtig selber Pigmenten herstellen und Ölmalerei mit Schichten und mit selber den Binder herstellen und den Firnis herstellen, also das dann. Also richtig ganz klassische Malerei, Aufbau im Bild, ja, das war schön und spannend und ich wollte auch die Technik lernen, also es ging mir nicht darum, mein Leben lang das zu machen als Werk. So bin ich wohl, ich hab immer Lust zu erforschen.
BW: Also du brauchst auch immer das neue Medium?
KD: Ja. Ich hab einfach Lust und tob' mich aus und wusste deshalb auch, dass ich mich jetzt nicht als als Product verkaufen kann. Also ich wollte ja immer frei sein, deswegen hab ich ja erst mal auch diesen Lehrer-Bildungsweg eingeschlagen.
BW: Also auch frei sein im Sinne von: Nicht von der Kunst leben müssen?
KD: Genau.
BW: Und die Freiheit zu haben, nicht unter Druck zu sein.
KD: Das zu machen was man will. Dass man nicht einen Stil haben muss, sozusagen ein Label, unter dem das assoziiert wird, unter diesem Künstlernamen. Aber soweit kam es ja bei mir auch gar nicht.
Bisher! Ha! Na warte!
BW: (lacht) Gute Einstellung! Wo du gerade „Stil“ sagst: Hast du irgendwelche bestimmten Vorbilder?
KD: Ich hab viele, ja. Ja. Also ich liebe Gerhard Richter und Yves Klein. Die Ausstellung von Sarah Moon hat mich beeindruckt. Die kannte ich vorher nicht.
BW: Ich mochte den ersten Raum am liebsten.
KD: Ja, Wahnsinn! Ja. Es gab ja auch irgend so eine Filmserie über sie. 3001 vielleicht. Naja, hab ich verpasst. War nur ein Abend. Dann Louise Bourgeois, find ich geil.
BW: Die ja auch total viele Medien nutzt.
KD: Ja, toll! Ja, es gibt einige Künstler, auch unbekannte, auch Freunde, die ich bewundere. Werner Keller, unbekannt, super. Wie gesagt Kain Karawahn, super. Es gibt sehr viele. Eigene Freundin, Lipsi von Stackelberg ist allerdings gestorben gerade.
BW: Hast du nicht erzählt, dass du die Photoausstellung für sie planst? Was ich daran höre, ist auch, dass du einfach das auch hochhalten möchtest, ihre Kunst quasi auch mal an andere weitergeben.
KD: Ja, ihren Lebenstraum sozusagen, den sie nicht erfüllen konnte, vielleicht trotzdem posthum irgendwie nochmal einmal als Gedenken, ein Zeichen setzen. Meine Art von Trauerarbeit. Ob sie es
mitkriegt, weiß ich ja nicht.
BW: Das bringt mich jetzt assoziativ nochmal zurück zu deiner Photographie. Es ist ja eher das Konzept, was da zählt...
KD: Genau.
BW: ...weil du ja das Photo gar nicht selber machst. Du bist ja auf den Photos drauf. Also alle Photos, die ich bislang gesehen habe, da gibt’s sicherlich noch mehr, aber die, die du mir gezeigt hast, sind ja eigentlich Photos, die Hendrik gemacht hat.
KD: Oder Selfies.
BW: Oder Selfies, aber wo du drauf bist. Das ist ja nochmal eine ganz spezielle Art von Photographie.
KD: Das stimmt.
BW: Das heißt, die Idee – was ich so höre ist ganz oft eine Idee, und andere setzen das dann um. Also, das ist ja auch eine Art Freiheit.
KD: Wenn du so willst. Aber es ist nicht so oft. Also meistens bin ich autark. Und lasse mir helfen. Also auch in diesem Fall war das so, dass ich den Hendrik brauchte als Helfer, also der hat jetzt nicht – ich hab das ganz stark dirigiert, wie ichs haben will.
BW: Jaja, das hat man auch gemerkt.
KD: Das musste er, er hat einfach nur das gemacht, was ich haben wollte.
BW: Und dann kannst du's auch abgeben.
KD: Natürlich. Und dann spielt der Zufall eine Rolle, aber ich versuche das zu minimieren.

 

Kirsten Dressler dirigierte auch mich, ein inszeniertes Photo von ihr zu machen.


BW: Ich habe soweit eigentlich alles gefragt, was ich fragen wollte. Du hast ja aber jetzt noch so'n bisschen schon gehört, warum ich das überhaupt mache. Mir geht es ja auch um die künstlerische Haltung. Das ist das, wo ich meinte, ich musste gestern bei Daniela das erste Mal richtig arbeiten, weil es das erste Mal für mich jemand war, der wirklich auch kunsttheoretisch, und Kunst eben als Kunsttherapeutin ... da nochmal einen anderen Blick drauf hat, und sie konnte sehr detailliert über ihre Haltung was sagen. Könntest du mir was über deine künstlerische Haltung sagen? Könntest du mir die jetzt schon definieren?
KD: (seufzt) Per definitionem muss man es ja jetzt aus dem Stand auf den Punkt bringen. Das schaffe ich vielleicht so schnell jetzt nicht. Aber natürlich habe ich 'ne Philosophie und eine Ethik. Also ich zum Beispiel bin Freund, Freundin der Ästhetik und hab teilweise Schwierigkeiten, wenn eben Kunst benutzt wird, missbraucht wird von Politik, Werbung. Das sollte abgegrenzt sein. Und das kann ich nur hoffen, dass die Konsumenten das selber hinkriegen. Denn heutzutage gibt es da einfach Überschneidungen ohne Ende und Kunst kann alles sein oder nichts, ist total frei. Ja, das ist mein individueller Standpunkt.
BW: Sehe ich das richtig, dass dir im Grunde die Botschaft, die Kunst vermittelt, gleichwertig wichtig ist wie das Kunstwerk selbst? Und dass es deswegen nicht in Werbung und Politik quasi verwurstet werden soll? Oder was ist genau der Punkt, wo es dich rüttelt? Wo du sagst, das will ich nicht?
KD: Ach, es geht ja oft beim Machen um eine Idee, einen Aha-Moment zu visualisieren. Ich bin schlecht darin, das zu verkaufen. Ich freu mich, wenn man, wenn jemand inspiriert ist oder von mir aus beeindruckt oder zumindest interessiert. Wenn da eine Kommunikation stattfindet, bin ich schon zufrieden. Wär' natürlich toll, wenn das noch ein bisschen mehr blüht und ich noch ein bisschen mehr Zeit dafür hätte, und stimmt: Eine größere Anerkennung, Anerkennung von einem größeren Publikum bekäme. Das wollen die meisten Künstler. Aber ich, ich schaff das nicht, dem jetzt ausschließlich auf Druck hinterher zu rennen. Das ist nicht mein Typ. Das ist so.
BW: Das ist auch eine künstlerische Haltung, finde ich. Sich da nicht verkaufen zu lassen, oder?
KD: Ja, aber es ist auch eine Disposition, von mir aus Unterbewusstsein, Genetik! Ja man kann auch nicht immer raus aus seiner Haut. Also ich bin nicht immer glücklich damit, das kann ich nicht sagen. Manchmal ärgere ich mich: Mensch geh doch mal ran! Oder bin: Sei konsequent und bleib dran am Thema! Aber nein, ich bin der Träumer und tanze weiter.
BW: Ich weiß gar nicht, ob du das mitbekommen hast, unser Studiengang ist umbenannt worden.
KD: Huch? Nee.
BW: Wir heißen jetzt nicht mehr „Innovative Veränderungsprozesse – Coaching und Systementwicklung“, wir heißen jetzt tatsächlich „Kunstanaloges Coaching“.
KD: Ach das wusste ich nicht. Ich freu mich, toll!
BW: Und ich weiß nicht, ob ihr dieses Kunstanaloge bei euch auch habt. Aber kunstanalog heißt ja in dem Moment, wenn ich als Coach auf meinen Klienten treffe, dass ich im Grunde das Coaching an sich auch wie Kunst behandele. Dass ich wie eine Künstlerin den Coachingprozess leite. Macht ihr das so auch mit euren Patienten?
KD: Das hat Peter Sinapius gesagt, man braucht letztendlich kein Rezept, man braucht Intuition. Und das richtige, den richtigen Weg zu finden, auf einen Klienten einzugehen, so dass sich bei dem
Räume, Freiräume eröffnen für neue Ideen, dass er zurück findet, direkten Zugang zu seinen eigenen Instinkten, eigenen Wurzeln, eigenen Ideen, die oft ja im Nebel sind oder ganz weg sind.
BW: Und was würdest du mir raten? Wenn ich jetzt wirklich als, als Künstlerin ins Coaching gehe, was müsste ich da mitbringen? Hast du da noch einen Hinweis? Du hast jetzt gerade erzählt, was für den Klienten dabei rausspringt, quasi was wir erreichen wollen. Was muss ich mitbringen?
KD: Ach, man muss sich sehr gut kennen und darauf vertrauen, was man im Gepäck hat. Das muss man benutzen und das muss einem bewusst sein, was man da eigentlich so hat, anzubieten hat. An
Qualitäten, an Wissen, und da gibt es natürlich unendliche Fortbildungsmöglichkeiten, aber da muss ich mal sagen, ist es wichtig, dass man zwar einerseits schon das realisiert, worauf man Lust hat, aber dass man da auch konsequent und strikt ist, dass man sozusagen ein Konzept hat, sich auf eine Linie, auf ein Profil sich konzentriert. Also das ist als Kunsttherapeut viel wichtiger noch, als als Künstler, weil man da ja wirklich als Professioneller an die Außenwelt tritt. Als Künstler kannst du dich zurückziehen, ist egal, solange du von was anderem lebst. Da kann das völlig frei sein. Als Kunsttherapeut, würde ich sagen, kannst du dir nicht alles leisten, da muss es, ja, eine Stabilität zeigen und, ja, mir fällt jetzt das Wort Kongruenz ein, warum, weiß ich gar nicht.
BW: Gutes Wort, mag ich, ja. Da kommt sofort alles, was mit Rogers irgendwie zu tun hat, das assoziiere ich damit, mit Echtheit und Authentizität und...
KD: So, das meine ich!
BW: ...sich einschwingen und Empathie und so, das gehört für mich alles....
KD: Das hat man, diese Qualitäten hat man eh in sich. Und dessen muss man sich nur bewusst sein als Therapeut und damit selbstbewusst umgehen. Wie Beuys schon sagt: Jeder Mensch ist ein Künstler. Und man hat immer ein Gepäck mit dabei. Immer. Jeder.
BW: Kannst du überhaupt sagen: Was macht einen Künstler aus? Gibt es eine Definition? Irgendwas Universelles, was alle Künstler mitbringen?
KD: Kreativität. Distanz. Also so eine innere Freiheit, sich nicht verleiten zu lassen. Ja, Unabhängigkeit. Oh Gott, das soll ich jetzt in einem Satz zusammenfassen?
BW: Wenn du das kannst! (lacht) Den meisten sage ich immer: Hast du einen kleinen Hinweis für mich, was das bedeuten könnte?
KD: autark.
BW: Oh!
KD: Punkt. (lacht) Kleingeschrieben!
BW: Du guckst mich so an, als sollten wir uns jetzt unser Bier holen, ne?
KD: Ja. Ich kann auch sagen: anarchist!
BW: Gut, okay?
KD: Auch kleingeschrieben!
BW: Auch kleingeschrieben?
KD: Herman de Vries, da könnten wir vielleicht auch mal zusammen hingehen. Du kommst zu mir, wir grillen, und dann gehen wir zu Herman de Vries, ich guck mal, wann die Ausstellung fertig ist, das wäre was für dich: Wir beide im Park, schöne Ausstellung, Herman de Vries, kennst du den?
BW: (lacht) Nee.
KD: Land Art. Die Plakate sind überall. Das wirst du sehen, die sind überall. Sehr schön.
BW: Du hast ein Date.
KD: Sehr gut für Kunsttherapeuten – Coaching.
BW: Und Coaching, ja, der Brei. Gibt es noch irgendeine Frage, wo du schon die ganze Zeit denkst: Britta, warum hat die mich das nicht gefragt? Irgendwas Abschließendes, wo du meinst, das muss
noch unbedingt gesagt werden, bevor ich jetzt auf Aus drücke?
KD: Worauf willst du hinaus?
BW: Ob ich jetzt ausmachen kann oder ob du sagst...
KD: Nein!
BW: Ich will auf gar nichts hinaus...
KD: Mit deiner Arbeit! (lacht)
BW: Achso! Mit meiner Arbeit! (lacht) Mir geht’s darum, aus den künstlerischen Prozessen und aus der künstlerischen Haltung, die ich von den Leuten, mit denen ich mich jetzt unterhalte, erfahre, für
mich abzuleiten: Was könnte denn überhaupt eine kunstanaloge Haltung im Coaching überhaupt für mich in meinem Ansatz bedeuten? Das ist das, worauf ich im Grunde hinaus will. Ich sammel' Schätze!
KD: Okay, also dann habe ich noch ein paar Fragen! Interessierst du dich also, die Kunst der Künstler, die du interviewst zu sehen?
BW: Ja! Auf jeden Fall!
KD: Blöde Frage
BW: (lacht)
KD: Nächste Frage. Eine bescheuerte Frage war das. Also echt Kirsten, naja. Wie willst du dich - wenn du so eine Frage stellst: Was sollst du im Gepäck haben: Hast du jetzt Lust, dich überall umzutun und fortzubilden und vielleicht so Kunsttechniken dir noch anzueignen?
BW: Absolut! Ich les sogar ... also wenn mir jemand sagt, mein Vorbild ist der und der, dann google ich das auch und hol mir da Informationen drüber. Ganz klar, ja, also ich geh im Grunde jedem Pfad
nach, der mir aufgetan wird.
KD: Das heißt, das Häusle, das ihr da im Garten umbaut, oder da neu macht – da ist dann eben auch Platz für ein Atelier, wie gesagt, richtig?
BW: Ja.
KD: Also nicht nur als Therapieatelier, sondern irgendwo ein Räumchen für dich?
BW: Auch ein Räumchen für mich.
BW: Nur deine Kunst, nur dein Kram? Privat, wo dann auch die Klienten vielleicht mal nicht reindürfen, und Schlüssel und Tür und so?
BW: Ja! Wird auf jeden Fall passieren.
KD: Mit Tageslicht, ne? Ihr habt ja viel Licht dort.
BW: Mit Tageslicht. Ja ja ja ja. Momentan bewohnt ja Riewert noch mein Atelier (lacht).
KD: Also ich, ich sag nur: Kauf dir 'ne Kettensäge! Und wenn Holz geschnitten wird, kannst du dir das aus dem Wald klauen, und dann kannst du halt so laut sein, echt! Scheiß auf die Nachbarn, die sind das gewohnt. Lärm ist heutzutage satt, das ist normal. Und dann hau rein, Alte, mit 'nem Bier an der Seite, nicht zuviel Bier!
BW: (lacht) Cool! Also du gibst mir den Ratschlag: Lass die Kunst weiter in dein Leben!
KD: Ja! Also Kettensäge fällt mir bei dir schon ein (lacht).
BW: Ja, würde mir auch. Wenn ich mein Grundstück so betrachte, ja cool.
KD: Ja, müssen wir bei dir mal ein Feuerchen auch denn machen aus den Resten, ich lad' mich hiermit selber ein.
BW: Mach das! Also das Feuerholz liegt schon. Der abgerissene Dachboden wartet darauf, verbrannt zu werden.
KD: Ja geil!
BW: Wollten wir eigentlich zu Ostern machen, haben wir nicht hingekriegt.
KD: Macht nichts. Dann ladet ihr mich ein, bitte, ne?
BW: Wunderbar. Dann mache ich jetzt aber auch wirklich aus.
KD: Ja, mach aus!
BW: Super!
KD: Tschühüß!

02.04.2016

Kategorie: Portraits

 

Man sagt, in Extremsituationen offenbare sich der Charakter eines Menschen. Daher beginne ich diesen Artikel mit einer kleinen aussagekräftigen Anekdote über Kirsten Dressler. Nach einem Raubüberfall, den wir gemeinsam auf dem Weg zur MSH erlebten, verblieb ich verstört am Ort des Geschehens zurück und sammelte irgendwie sinnlos das ihr aus dem entwendeten Portemonnaie herausgefallene Kleingeld auf, während sie Adrenalin abbauend und laut fluchend hinter dem Dieb her rannte und ihn fast zu stellen vermochte, zumindest ein paar Scheine von ihm zurückholte. So beherzt geht sie auch in ihrer Kunst vor:

Die Medien der lebendigen und einmaligen Künstlerin und Kunsttherapeutin Kirsten Dressler sind so zahlreich wie ihre unkonventionellen und außergewöhnlichen, im positiven Sinne „verrückten“ Ideen: Zeichnung, Malerei, Film, Skulptur, Metall, Klang, Performance, Möbelgestaltung, Land Art... In unserem Gespräch, das bereits am 2. April 2016 stattfand, rührte sie mich mit ihren Worten ernsthaft zu Tränen. Ich fasse es hier zusammen. Das ungekürzte Interview findet sich hier.

Ich weiß von dir, dass du Skulpturen machst, ich weiß, dass du malst. Wenn du dich beschreiben müsstest: Was für eine Art Künstlerin bist du? - Kannst du das überhaupt? Was machst du noch alles?

„Photographie! - Nee, ich tob mich aus! Ich hab, wie gesagt, also richtig gründlich Malerei und Zeichnung studiert. Und irgendwann war ich es leid, also ich hab auch für heutige Verhältnisse lang studiert, sechs Jahre. Das bedeutet, zuerst Zeichnen und dann Malerei, und zwar richtig von Grund auf zeichnen. Mit Proportionen und hier und da, und dann mit Malerei, mit richtig selber Pigmenten herstellen und Ölmalerei mit Schichten und mit selber den Binder herstellen und den Firnis herstellen. Also richtig ganz klassische Malerei, Aufbau im Bild, ja, das war schön und spannend und ich wollte auch die Technik lernen, also es ging mir nicht darum, mein Leben lang das zu machen als Werk. So bin ich wohl, ich hab immer Lust zu erforschen.

Kirsten Dresslers Himmelsleiter
Kirsten Dresslers Himmelsleiter

Man kann mich tatsächlich als intermedial bezeichnen, weil ich gerne Künste zusammenführe, wie zum Beispiel Metall mit Klang. Das heißt, die Skulptur klingt auch. Ich habe ich eben Skulptur, also bildende Kunst, mit Theater verbunden. Ich habe eine Skulptur gemacht, die „Himmelsleiter“, aus Stahl, die sehr schlank ist, und fünf Meter fünfzig in den Himmel ragt. Sie ist eine Bewegung, also sie ist so wellenförmig. Das Buch von Henry Miller, „Das Lächeln am Fuße der Leiter“, da ist ein Clown, der will zum Mond und schafft das nicht. Der bleibt dann liegen und weint. Und das war auch eine Kombination von zwei Künsten, also intermedial, und zwar in diesem Falle halt Theater und Skulptur, weil da eben ein Schauspieler die Geschichte, den Plot von Henry Miller nachgespielt hat, als Pantomime auf der Leiter. Bei einer Vernissage.“


Um für dich gute Kunst zu sein, was braucht es? Worum geht es Dir da?

„Magie. - Diese zwischenmenschliche Interaktion hat eine Schönheit, eine Poesie, die man nicht wiederholen kann, und dieses Erlebnis bleibt im Herzen. Poesie bedeutet für mich etwas Ungreifbares, das plötzlich vorbeifliegt, was einen enthebt von der Alltäglichkeit, was dem Leben eine neue Dimension oder eine andere Dimension gibt. Einen Sinn dahinter. Es muss einen, ja, mir fällt das Wort nicht ein, animieren, überzeugen, es muss einen packen, ja, mitnehmen. Ein Aha-Moment!

Es können alle Medien sein. Die Idee kommt plötzlich, irgendwo, und ist dann da, und ich versuche, das so gut wie möglich umzusetzen. Also das versuche ich jedenfalls in dem Besucher oder in dem, der mein Bild anguckt, zu erzeugen, dass er eine Weite spürt. Das heißt zum Beispiel, du kennst doch mein Bild „Worauf warten?“, ich auf dem Fahrrad in der Elbe. Also deswegen ist es auch eine Weitwinkelaufnahme, es geht ums Ganze, ums Generelle, nicht um den Ausschnitt „Ich auf dem Fahrrad“, sondern auch die Umgebung. Und die soll klar sein, deswegen sind das alles horizontale Linien. Das Ufer hinten, das Ufer vorne, der Fluss und der Himmel. Und ich auch, ich bin zentraler Punkt im Bild, schwarz gekleidet auf einem schwarzen Fahrrad. Das hat eine graphische Qualität, die etwas Abstraktes hat aber auch etwas Verallgemeinerndes. Es soll nicht so individuell sein. Ich bin ein Zeichen für etwas, ein Synonym. In diesem Fall ist der Titel wie gesagt „Warum warten?“. Das heißt, hinter dem Bild steht ein Wunsch, ein Gedanke, Lust, eine Einstellung. Man kann damit vieles assoziieren. Zum Beispiel einen Flüchtling, der, wenn er stehenbliebe oder auf die Ebbe wartete, sterben würde. Das heißt, ich fahre mit dem Rad durch die Flut. Und es kann ein Symbol dafür sein, dass man ackert und ackert, aber nicht weiterkommt, denn jeder weiß, dass du im Wasser nicht radfahren kannst, da kippst du um.“

Es ist ja eher das Konzept, was bei deiner Photographie zählt, weil du ja das Photo gar nicht selber machst. Du bist ja auf den Photos drauf. Was ich so höre ist ganz oft eine Idee, und andere setzen das dann um.

„Oder Selfies. Also meistens bin ich autark. Und lasse mir helfen. Also auch in diesem Fall war das so, dass ich den Hendrik brauchte als Helfer. Ich hab das ganz stark dirigiert, wie ich es haben will. Das musste er, er hat einfach nur das gemacht, was ich haben wollte. Und dann spielt der Zufall eine Rolle, aber ich versuche das zu minimieren.“

Kirsten Dresslers
Kirsten Dresslers "Warum warten"

Hast du irgendwelche bestimmten Vorbilder?

„Ich hab viele, ja. Ja. Also ich liebe Gerhard Richter und Yves Klein. Die Ausstellung von Sarah Moon hat mich beeindruckt. Dann Louise Bourgeois, find ich geil. Ja, es gibt einige Künstler, auch unbekannte, auch Freunde, die ich bewundere. Werner Keller, unbekannt, super. Kain Karawahn, super, ein sehr wichtiger Partner über Jahre, also ich hab mehr für ihn gearbeitet als er für mich, Feuerkünstler. Es gibt sehr viele. Eigene Freundin, Lipsi von Stackelberg ist allerdings gestorben gerade.“

Was macht einen Künstler aus? Gibt es eine Definition? Irgendwas Universelles, was alle Künstler mitbringen?

„Kreativität. Distanz. Also so eine innere Freiheit, sich nicht verleiten zu lassen. Ja, Unabhängigkeit. Oh Gott, das soll ich jetzt in einem Satz zusammenfassen? Autark. Punkt. (lacht) Kleingeschrieben! Ich kann auch sagen: anarchist! Auch kleingeschrieben!“

Leiden für die Kunst! Was bedeutet das für dich?

„Es geht nicht anders, das ist so. Es ist immer so. Ich leide am meisten, wenn ich sie nicht mache. Also ich leide lieber mit der Kunst oder für die Kunst, als: Ohne Kunst ist es noch schlimmer. Also es hat ja nicht immer mit Tun zu tun, also plötzlich kommt es hervor, die Idee, und dann hat man natürlich den Druck, das machen zu müssen, sonst geht’s einem schlecht. In dem Moment stimmt das. Aber ansonsten kann man auch einfach so leben und warten und vielleicht den Blick nicht verlieren, für's Generelle oder das Feine. Wenn man sich keinen Raum dafür gibt, dann ist schlecht, dann geht’s einem schlecht.“

Du bist Künstlerin und Kunsttherapeutin. Wo ist für dich der Unterschied zu Kunst und Kunst in der Therapie? Wo ziehst du denn für dich die Grenze? Woran nimmst du jetzt wahr, das ist jetzt Kunst?

„Naja. Es heißt ja angeblich, Kunsttherapie soll was bezwecken. Was ich bezweifle. Man soll sich nicht einbilden oder anmaßen, dass man wirklich was bewirkt. Das kann passieren, es muss nicht. Ich behaupte auch nicht, dass alles, was produziert wird, da Kunst ist, sondern man gibt dem Klienten einen Freiraum. Kunstbegriff ist eh schwierig definierbar. Kannst 'ne Laus angucken: Ist Kunst. Du weißt das bestimmt am besten, Turner Prize vor ein paar Jahren, England, ich weiß nicht mehr, zwanzigtausend Pfund oder was dotiert, da hat jemand so'n Blu-Tack, diese Bubbles, die du da an die Wand backst, damit du da ein Photo drauf bappen kannst - Irgendwie noch genau geguckt, wie, wo passt das am besten, da hat er das rangematscht – und den Turner Prize gewonnen! Jaaa! Das heißt: Alles ist Kunst oder nichts ist Kunst, das ist heutzutage undefinierbar! Na ich maße mir nicht an, dass ich es alles weiß oder beurteilen kann, also andere, die haben – eben andere Blickwinkel, und für die ist das dann Kunst und für mich nicht, also das ist halt eine Frage der subjektiven Wahrnehmung.

Aber natürlich habe ich 'ne Philosophie und eine Ethik. Also ich zum Beispiel bin Freundin der Ästhetik und hab teilweise Schwierigkeiten, wenn eben Kunst benutzt wird, missbraucht wird von Politik, Werbung. Das sollte abgegrenzt sein. Und das kann ich nur hoffen, dass die Konsumenten das selber hinkriegen. Denn heutzutage gibt es da einfach Überschneidungen ohne Ende und Kunst kann alles sein oder nichts, ist total frei. Ja, das ist mein individueller Standpunkt. Ach, es geht ja oft beim Machen um eine Idee, einen Aha-Moment zu visualisieren. Ich binschlecht darin, das zu verkaufen. Ich freu mich, wenn man, wenn jemand inspiriert ist oder von mir aus beeindruckt oder zumindest interessiert. Wenn da eine Kommunikation stattfindet, bin ich schon zufrieden. Manchmal ärgere ich mich: Mensch geh doch mal ran! Oder bin: Sei konsequent und bleib dran am Thema! Aber nein, ich bin der Träumer und tanze weiter. Man braucht letztendlich kein Rezept, man braucht Intuition. Und das richtige, den richtigen Weg zu finden, auf einen Klienten einzugehen, so dass sich bei dem Räume, Freiräume eröffnen für neue Ideen, dass er zurück findet, direkten Zugang zu seinen eigenen Instinkten, eigenen Wurzeln, eigenen Ideen, die oft ja im Nebel sind oder ganz weg sind. Ach, man muss sich sehr gut kennen und darauf vertrauen, was man im Gepäck hat. Das muss man benutzen und das muss einem bewusst sein, was man da eigentlich so hat, anzubieten hat. An Qualitäten, an Wissen, und da gibt es natürlich unendliche Fortbildungsmöglichkeiten, aber da muss ich mal sagen, ist es wichtig, dass man zwar einerseits schon das realisiert, worauf man Lust hat, aber dass man da auch konsequent und strikt ist, dass man sozusagen ein Konzept hat, sich auf eine Linie, auf ein Profil sich konzentriert. Also das ist als Kunsttherapeut viel wichtiger noch, als als Künstler, weil man da ja wirklich als Professioneller an die Außenwelt tritt. Als Künstler kannst du dich zurückziehen, ist egal, solange du von was anderem lebst. Da kann das völlig frei sein. Als Kunsttherapeut, würde ich sagen, kannst du dir nicht alles leisten, da muss es, ja, eine Stabilität zeigen und, ja, mir fällt jetzt das Wort Kongruenz ein, warum, weiß ich gar nicht. Das hat man, diese Qualitäten hat man eh in sich. Und dessen muss man sich nur bewusst sein als Therapeut und damit selbstbewusst umgehen. Wie Beuys schon sagt: Jeder Mensch ist ein Künstler. Und man hat immer ein Gepäck mit dabei. Immer. Jeder.“

Wenn du jetzt auf deine lange lange lange lange Erfahrung zurück guckst. Was ist das allerwichtigste Werk, das du jemals für dich geschaffen hast?

„Das Feuersteinauge. Ich hab einen kleinen Steinbildhauerkurs mitgemacht, kein Riesenlehrgang, um das Material kennenzulernen und die Art und Weise, wie man damit umgeht. Natürlich gibt es tausend verschiedene Steinsorten, ich hab das einfachste genommen, Sandstein, es ist schön, kriegst du auch irgendwann mal ein Ergebnis. Nicht so frustrierend wie Marmor, ne, und auch nicht so ungesund. Weil das nicht so'n Feinstaub gibt. Ich hab diesen Klotz gehabt und vorher schon die Idee, dass ich das mache, das ist mir einfach gekommen. Ich hatte genau die Maße im Kopf, genau die Idee, hab die Zeichnung gemacht, ja, und bin dann mit ein paar Kollegen nach Italien gegurkt, und da sagte der Leiter der Gruppe, der Lehrer: Ja, was wollt ihr denn machen? Und probiert doch erst mal rum! Und ich hatte halt ein volles Konzept. Was bei Bildhauerei auch gut ist. Du musst vorher wissen, was du willst, denn weg ist weg, da kannst du zumindest bei Holz und bei Stein nicht so richtig gut ranbacken. Bei Stein schon gar nicht, außer ... naja, egal, außer du pfuscht mit Zement rum. Das wollte ich aber nicht. Ja, und dann hab ich mich durchgesetzt, und dann habe ich gesagt, ich will das machen. Und wenn ich das nicht machen darf, dann mach ich nix. Ja, dann mach ich hier in Italien Urlaub, ist auch schön. Durfte ich natürlich machen, meinen Kram.“

Kirsten Dresslers Feuersteinauge
Kirsten Dresslers Feuersteinauge

Ich bin sehr froh, dass Kirsten Dressler sich einladen ließ, ihre Holzskulpturenserie „Isebel“ am 7. Juli 2018 im Rahmen meines "Arts & Change - Tag" der offenen Tür auszustellen. Wer ihre berührenden Skulpturen sehen möchte, sei herzlich eingeladen, ab 14 Uhr vorbeizukommen.

Gabriele Wendland - Schnappschuss
Kategorie: Portraits

 

Die Werke der freien Künstlerin Gabriele Wendland sind so lebendig wie ihr ansteckendes Lachen, das ich noch gut aus unserer gemeinsamen Elternratszeit aus der Schule unserer nahezu gleichaltrigen Söhne kenne. Gabriele Wendland photographiert als Grundlage für ihre Zeichnungen und Malerei und produziert auch Holzschnitte. Ihre figurativen Acryl- oder in Mischtechnik erschaffenen Bilder sind ungewöhnlich und humorvoll. Es ist viel Bewegung in ihnen. Die Hamburger Malerin stellte kürzlich in China und den USA aus, gibt zahlreiche Kurse im Kulturhaus Süderelbe und in der Hamburger Kunsthalle, engagiert sich in der GEDOK, der Gesellschaft für deutsch-chinesischen Kulturaustausch und für Menschen mit Fluchterfahrung. Ich durfte sie im April 2016 in ihrem Atelier in Hamburg besuchen und lasse sie hier im Originalton zu Wort kommen.

Worum geht es in deiner Kunst? Wie beschreibst du deine Malerei?

„Ich habe keinen großen philosophischen Ansatz, sondern einen bildlichen Ansatz. Das, und so einen geschichtlichen Ansatz. Ich setze meine eigene Biographie als Ansatz mit ein. Ich erzähle eine Geschichte, aber nicht, wie einen Roman. Wenn ich mein Bild erkläre, dann würdest du wissen, wie ich denke, was ich mache und was ich tue. Ich erkläre aber nicht jedes einzelne Bild. Das ist unangenehm für mich. Und das ist teilweise auch Nonsens, also sagen wir mal so: Einer meiner Lieblingsschriftsteller ist der Murakami, da geht es um Realität. Also eigentlich um realistische Malerei, die in die Phantasie geht. Oder anders herum. Das ist eigentlich so der theoretische Ansatz meiner Bilder.

Der praktische Ansatz ist sehr experimentell. Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, ein Bild zu beginnen. Das wechselt bei mir immer je nach Stimmung. Manchmal ist es eine Idee und dann Experiment oder erst ein Experiment und dann diese Idee hineingeben. Einmal ist es ein sehr experimenteller Ansatz und dann ein ganz bewusster Ansatz. Und mein bewusster Ansatz ist ganz klassisch. Ich arbeite viel nach Photos, ich habe ja kiloweise Photos. Bis jetzt hab ich alle Photos selbst gemacht. Also grundsätzlich mache ich selbst Photos. Das heißt aber nicht, dass ich jetzt ein Photo abmale, sondern eine Figur kommt aus dem Photo, die andere aus dem Photo, ach, das Haus interessiert mich… Ob ich nun zeichne, drucke, male, es gibt keine Vorzeichnungen sondern ich arbeite es direkt, also ich übertrage niemals ein Bild auf was anderes. Aber ich probiere im Kleinen natürlich aus. Ich habe immer neue Ideen und dann probiere ich erst mal im Kleinen aus: Kann man damit arbeiten? Und wenn ich merke, diese Geschichte interessiert mich mehr, dann fange ich an, erst größer zu werden. 

Gabriele Wendland Triptychon B-M BandDas zieht sich auch irgendwie durch. Bei Musik habe ich so kleine Zeichnungen und dann wird das ganz groß und anders herum. Ich arbeite immer experimentell, auch wenn ich nach Photos arbeite. Und wenn ich anfange, dann ist immer wichtig: Wie verhält sich die Farbe? Wenn ich nach einem Photo male, mache ich nicht eine genaue Vorzeichnung, sondern ich sehe: Aha, jetzt habe ich gerade zu viel Rot, verdünn' sie mir und male das rot an, und dann läuft alles runter und zack zack zack zack. Und dann nehme ich Blau und mache die nächste Figur: zack zack zack zack, dann läuft es. Dann drehe ich das Bild um, dann mach ich das, zack zack zack zack läuft es runter. Wenn ich dünne grobe vorzeichne, kippe ich irgendwie Farbe rauf, wie sich das verhält, damit ich Strukturen habe. Also Strukturen entstehen immer dadurch, dass ich Farbe laufen lasse.

Ich male ja mit Öl. Oder sagen wir mal so: Ich fange mit Acryl an, mit sehr flüssiger Farbe teilweise, mit Öl würde es hier nur nach Terpentin dampfen. Ich fange wirklich mit Acryl an, damit ich herumprobieren kann. Und dann mache ich ein Grundgerüst. Dann stelle ich das Bild erst mal weg. Für einen Monat. Ich arbeite mindestens an zwanzig Bildern. Das bedeutet immer: Ich arbeite, je nachdem, wie groß das Bild ist, eine Woche oder zwei Wochen am Bild. Oder einen Tag, je nachdem. Bei Kleinen ist es ja manchmal nur eine halbe Stunde, mehr nicht, und dann lege ich es weg. Und das heißt, jedes mal, wenn ich es nach einem Monat wieder hervorhole, dann sind meine Gedanken ganz woanders. Und dadurch entstehen die Ebenen.

Man hat vielleicht eine Idee und dann kann man es probieren, ob man das so in die Richtung kriegt, aber im Prinzip spielt es mit dem Zufall. Und aus diesen Strukturen, die entstehen, das kann Farbe laufen sein, das kann irgendwie klecksen sein, das kann sein: Oh, jetzt habe ich Farbe über - ich bin ja irgendwie ökologisch, irgendwie habe ich keine Lust, viel Farbe wegzuschmeißen, irgendwie so ein Umweltbewusstsein - das heißt ich schmiere hier einfach irgendwie dicke Farbe drauf, dann habe ich dicke Strukturen. Oder ich mache noch Sand drauf. Manchmal habe ich eine Tube genommen und einfach so drauflos. Das kann ein sehr realistischer Beginn sein, der ins Phantastische geht, und dann geht‘s auch anders herum, dass es einfach irgendwie von Sand ausgeht, also erst nicht nach Photo gearbeitet.

Dieses experimentelle Arbeiten finde ich ganz schwierig. Ich kann mir kein Ziel setzen. Ich habe mir im Leben nie irgendein Ziel gesetzt: Das und das muss ich irgendwie sein. In der Malerei mache ich das auch nie, sondern ich lebe so mehr oder weniger in den Tag hinein. Gut, ich hab so mein Ziel: Ich will malen, ich will dies, ich will das, aber wenn man nur das Ziel sieht, dann fühlt man sich überfordert. Man muss sehen, dass man nicht überfordert ist, sondern einfach bestimmte Dinge ausprobieren. Wenn ich sag: Oh, ich komm überhaupt nicht weiter, dann mache ich Musik, dann mache ich Sport, dann mach ich dies, dann geh ich einmal den Jakobsweg oder was auch immer. Man macht Sport, man malt, man macht Musik und man macht irgendwas, und schon fühlt man sich wohler.

Die Idee ist ganz einfach. Es gibt ganz viele Möglichkeiten. Ich habe so ein paar Grundideen, das ist Musik, das ist China, das ist Schrift, das ist Sport, also irgendwie was mit Bewegung, irgendwie was mit Menschen, die was machen. Ich mache auch schon seit fünf, sechs, zehn Jahren irgendwie eine Serie mit meinem Sport Tai Chi. Das sind so Grundideen, die sich immer wieder durch mein ganzes Werk ziehen. Angefangen habe ich mit Männern.“ Sie lacht.

Gabriele Wendlands Männer

„Das war in den Achtziger Jahren, wo es auch in der Werbung so gewesen ist, dass immer nur mit Frauen geworben wird, dass die Frau so sexualisiert worden ist. Ich sollte eine kunstwissenschaftliche Arbeit schreiben über das Schöne an der Frau, also am weiblichen Akt. Hat mich nicht interessiert. Ich habe über den männlichen Akt geschrieben und damit habe ich mich ganz viel mit Männern und „wie werden Männer dargestellt?“ befasst, in meiner ganzen Malerei und der Beziehung Mann-Frau. Beziehung Mann-Frau, Männer, das war eins der ersten Themen.

Natürlich habe ich auch Stilleben gemacht, alles mögliche, ich habe alles ausprobiert. Aber das erste, woran ich wirklich ganz lange gearbeitet habe, das waren Männer, die Darstellung von Männern und die Darstellung von Beziehungen. Und die Technik ist auch ganz wichtig, weil mein Lebensgefährte Ingenieur ist, das heißt, es durchzieht sich immer irgendwas Elektronisches. Ich habe mal in einem winzigen zehn Quadratmeter-Zimmer mit schrägen Wänden gearbeitet, und da habe ich nach einem dreiviertel Jahr festgestellt, dass ich lauter eingesperrte Männer male." Sie lacht wieder. "Das Umfeld spielt mit. Im Winter bin ich meistens irgendwie drin und male oder arbeite und mache nicht so viel, vor allem nicht, wenn es regnet. Und dann kommen da halt eingesperrte Männer heraus. Oder, als mein Sohn klein war, habe ich lauter angeschlossenen Männer gemalt. So Landschaften mit an Computer angeschlossenen Männern. Und Häuser, die irgendwie Hände haben, so weibliche Häuser, die sich Männer grabschen.“

Gabriele Wendland - Häuser

Was die Künstlerin zum Arbeiten braucht

Sie lacht: „Auf jeden Fall den Zufall auch…. Material….. und irgendwie ein interessantes Leben!“

Malerei mit Tagebuchfunktion

„Ich habe ein Atelier und ich arbeite in einer Kunstwerkstatt für Flüchtlinge. Tagebuch ist übertrieben, aber vielleicht ist es so eine Art Tagebuch, das ich führe mit meinen Bildern. Und wenn man so mein Werk sieht, dann weiß man eigentlich, was in meinem Kopf so mein Leben lang herum gegeistert ist. Und wenn ich der Meinung bin, in ein Musikbild muss jetzt ein Flüchtling rein" - hier lacht sie erneut - "dann kommt er da mit rein!

Auch wenn ich nicht so viel Input habe, es kommt irgendwas dabei herum. Aber das, was eben für mich wichtig ist. Meine Malerei ist immer wie so ein Tagebuch von dem, was mir gerade zu dem und dem Zeitpunkt wichtig ist. Deswegen gibt es auch viele China-Bilder, das hat sehr viel mit meinen Aufenthalten da zu tun. Schrift ist auch ein ganz wichtiges Element. Ich habe ganz oft immer mit mit Schrift gearbeitet, aber nicht mit chinesischen Schriftzeichen, auch meinen Sohn sollte ich photographieren, er wollte kopfüber Harry Potter lesen. Und dann sollte ich das malen, das hab ich dann auch gemacht (lacht), da war er irgendwie sechs, sieben, und dann habe ich ihn dann photographiert, wie er auf dem Stuhl saß mit den Füßen nach oben Harry Potter lesend, das habe ich dann wirklich fast 1:1 auch gemalt.

Gabriele Wendland - Bücherwurm

Dann die chinesischen Schriftzeichen. In China, da gibt es eine ganz ganz tolle Schriftkunst und wie man mit Schrift was macht. In einem Musikbild ist Schriftbild, da steht „You and Me“, das ist wahrscheinlich der Name der Gruppe. Ich arbeite es ein, auch die Werbung in T-Shirts, die versuche ich dann natürlich zu verfremden, dass ich da nicht irgendwie Werbung laufe, aber das nehme ich absolut oft mit rein. Das sind so Wanderbilder.

Gabriele Wendland - Heidewanderung

Ich bin ja keine Landschaftsmalerin an sich. Es geht dieser Blick. Ich male ja nicht irgendwie schöne Landschaften, sondern es geht mir um Bewegung. Es geht mir darum, wie der Mensch lebt. Und irgendwie gehört dann dieser Wegweiser dazu. Also in diesem Falle ist er sehr wichtig. Das ist einfach so ein Bild, da hat sich der Wegweiser irgendwie verselbständigt. Das ist der Jakobsweg und bestimmte Zeichen gehören auch mit zum Bild, also  wenn ich eine Landschaft male, kommen Verkehrszeichen, Warnzeichen, Stacheldraht oder so auch mit ins Bild rein. Da photographiert man, da kommt Licht raus, und das wabert dann auch so, ein Blitz, der dann übers Bild wabert. Wenn ich eine Landschaft male, nehme ich die Strommasten teilweise mit. Ich habe Chinabilder, die eigentlich nur aus Strommasten bestehen. Ich habe nicht das schöne Dorf gemalt, sondern ich habe das Dorf gemalt mit den Baggern und mit den Strommasten. Ich male so, wie es dann ist. Und dann aber, wenn ich das dann mache, dann male ich die Bagger mit. Fertig aus Ende. Es geht mir auch darum, irgendwie die Lieblichkeit einer Landschaft zu brechen.“

Gabriele Wendland erzählt vom Unterrichten

„Für mich ist der Unterricht auch immer inspirierend, eine Inspirationsquelle, weil ich ja auch bestimmte Techniken zeigen will. Ich habe einfach meinen Schülern - es sind erwachsene Schüler - gezeigt, wie ich arbeite. Früher habe ich das immer auf ein Blatt Papier gemacht und dann weggeschmissen, jetzt nehme ich einfach meine Keilrahmen mit, also auch um denen zu zeigen, was ich meine. Das ist für Schüler, die autodidaktisch arbeiten und wenig Ahnung von Malerei haben, oder manchmal auch ein bisschen mehr, sehr schwierig, wenn ich das erzähle: Wie kann man irgendwie zu einem Bild kommen? Es ist sehr schwer und das muss man denen zeigen.

Ich habe im Unterricht auch Styropordrucke gemacht. Das heißt, man kann alles nehmen: Aha, ich nehme jetzt so eine Styroporplatte, steche da mit Bleistift rein, rolle Druckfarbe darüber und drucke sie aufs Bild. Und dann habe ich eine Grundstruktur, so ornamentalische Dinge. Das ist das Typische, was entsteht, wenn man einen Styropordruck macht. Ich habe da auch irgendwie nichts Realistisches gemacht sondern einfach nur ein Muster. Und alles, was dann reingedrückt ist, wird weiß. Dann kann man Farbe darüber streichen, also sehr dünn lasiert. Dann fängt man an mit Farbe zu arbeiten, ich habe ich hier eine Tube genommen, einfach so hau-drauf, und dann mit Sand gearbeitet, und erst zum Schluss habe ich begonnen: Aha, hier könnte eine Figur sein! Und dann guck ich mal in meinen ganzen Photos: Was für eine Figur passt dahin? Das sind irgendwie Musiker, das werden Musiker, also diesmal ohne Musikinstrumente. Aber diese Streifen könnten vielleicht so eine wabernde Musik sein. Und das sind Zuschauer.“

Gabriele Wendland - Gestrickter Sound

Wann fängt Kunst an?

„Nach Beuys kann jeder ein Künstler sein. Man muss es nur machen, ja: Tee trinken! Tee trinken! Das ist ein wichtiges Geschirr zur Teezeremonie aus China. Das sind so Thermotassen, die sind hier zwischen hohl, dass der Tee auch ein bisschen länger heiß bleibt. Machen wir natürlich nicht richtig, aber dieses Wasser nachkippen immer wieder… Der Tee bleibt ja drin und ich kippe jetzt immer Wasser nach. Und dann wird er wieder ein bisschen dünner. Auf jeden Fall ist das ja auch schon eine Kunst.

Ab wann ist es Kunst, das ist eine sehr schwammige Frage, die eigentlich niemand beantworten kann. Das ist einfach eine Aktion, wenn du es einmal machst. Das kann auch eine politische Aktion sein. Wenn dir aber dieses Ritual wichtig ist und du das immer erweiterst und du das ständig machst, also regelmäßig, einmal im Monat oder so, dann entwickelt sich das zur Kunst, weil dann auch immer mehr Leute darauf aufmerksam sind.  Das heißt, so ganz normale Dinge werden zur Kunst erhoben. Readymade nennt sich das. Dann ist da irgend so ein Flaschenhalter von Duchamp und dann stellst du ihn hin und dann ist das Kunst. Und das sind einfach so Grenzgeschichten, in jeder Beziehung Grenzgeschichten. Auch in der Malerei. Wann ist es eigentlich Malerei und wann ist es nur Auftragsarbeit? Also wenn du wirklich perfekt bist und wirklich sämtliche Regeln einhältst, wird das Bild total langweilig. Das ist auch eine Grenze, wo man denkt: Das muss nicht sein. Und experimentell? Irgendwann sind es nur Farbkleckse, und da sagt dann jeder: Ist das langweilig, ne? Aber wann es langweilig ist, ist auch immer irgendwie individuell, es sind einfach irgendwie Grenzgeschichten.

Auch das schwarze Quadrat von Malewitsch. Wenn man das einfach sieht und den Hintergrund nicht hat, dann ist es einfach nur: Was soll das? Aber wenn man einfach weiß, es ist eine Reduktion, also einfach ein Endpunkt an einer bestimmten Art, also er hat ja immer mehr reduziert, immer mehr in die Fläche gegangen, das ist ja Suprematismus. Also hier im Westen gab es den Kubismus, in Russland gab es den Suprematismus, und da wurde alles so in geometrische Formen und Zeichen eingeteilt. Und irgendwann hat man eben das schwarze Quadrat, und das ist ein Kopf vielleicht. Oder einfach nur ein Quadrat. Das ist dann auch wieder so eine Geschichte. Wenn aber alle Leute dann das schwarze Quadrat abmalen und das ist jetzt Kunst, tja, dann ist das langweilig.“

Wer sind deine Vorbilder?

„H.P. Zimmer hat mich geprägt hat, das ist mein Lehrer. Einer meiner Lehrer, Blalla W. Hallmann, ist ganz unbekannt, höchstens in Köln sehr bekannt, so ein Underground-Künstler. Der hat mich in  bestimmten Dingen bestärkt: Man kann alles machen, auch sämtliche Dinge unter der Gürtellinie. Also so unter der Gürtellinie wie er kann ich gar nicht sein, weil mein Leben gar nicht so ist, aber lieber nach dem Motto: Irgendeinen Mist malen als gar nicht malen! Und dann malst du irgend so einen Mist und irgendwann passiert schon irgendwas. Und wenn man lange nicht gemalt hat, zum Beispiel ist man in Urlaub, irgendwo auf Reisen, dann hat man eine Hemmschwelle - ganz viele, auch professionelle Künstler. Oder vor allem auch Autodidakten und Laien haben eine Hemmschwelle. Und das versuche ich auch immer meinen Schülern zu sagen: Aha, einfach anfangen! Und wenn man nur Käsekästchen malt. Ich mache da Telephonzeichnungen, oder irgendwas: Jetzt mache ich da irgendwie einen Zickzack und dann male ich einen Zickzack und schwarz und einen Zickzack und rot. Und automatisch entwickelt sich was ornamentalisch und automatisch kommt man wieder in den Fluss irgendwie zu einer Malerei. Das heißt, auch keine Hemmungen vor Peinlichkeiten. Also wenn das wirklich peinlich ist, dann kann ich das in die Schublade packen oder in den Mülleimer. Wenn man meint, man muss den schlimmsten Kitsch malen und das grausamste Zeug je nachdem, dann muss man das malen. Und ich meine, hinterher kann man sagen: Das kann ich nicht ausstellen! Aber man hat es gemalt.“

Zu meiner großen Freude und mit echter Dankbarkeit darf ich veröffentlichen, dass die inspirierende Gabriele Wendland am 30. April 2017 im Rahmen des zehnjährigen Jubiläums meiner „Praxis für Logopädie Britta Weinbrandt“ in den Praxisräumen einige ihrer Werke, Malerei und Zeichnungen, ausgestellt hat. Die Malerei ist bis auf weiteres noch zu besichtigen. Wer nicht abwarten kann, bis er den Weg zu mir gefunden hat - so sehenswert und schön war meine Praxis noch nie! - findet auf Gabriele Wendlands Homepage und in ihrem Archiv weitere Anregungen. Ebenso kann man ihr auf Facebook oder instagram folgen.

Kategorie: Portraits

 

Ich habe viel aus Büchern gelernt, ich habe Erfahrungen in meinen zahlreichen Ausbildungen gesammelt, das Leben selbst hat mich in viele weitere unerwartete Richtungen gelenkt - aber wenn ich ehrlich bin, dann nehme ich selbst am meisten mit, wenn ich mich einfach mit Menschen unterhalte. Das ist für mich Reflexionsgrundlage pur. Von da aus kann ich immer einen Schritt weiter gehen.

An dieser Stelle veröffentliche ich nun nach und nach Interviews, die ich mit Künstlern und Kreativen im Rahmen meiner Masterarbeit "Die Kunst des Coaching - Durch Gespräche mit Künstlern zur Essenz des kunstanalogen Coaching" - und inzwischen auch darüber hinaus - geführt habe. Ich durfte in einer großen Band­breite Einblicke in die Arbeit der verschiedensten Menschen aus inzwischen neun verschiedenen Nationalitäten gewinnen. Zwischen dem jüngs­ten und der ältesten Gesprächspartnerin liegen 50 Jahre Altersunterschied. Sie stammen aus dem Spiel- und Theaterbereich, aus Film, Hörfunk und Fernsehen. Es sind Schriftsteller, Photographen, Malerinnen und Bildende Künstler sowie Musiker.

Sie verhalfen mir zu folgender Erkenntnis - wie die Zusammenfassung meiner Masterarbeit zeigt:
Der Coachingprozess im kunstanalogen Coaching wird mithilfe kunstorientierter Me­thoden gestaltet und ist im Sinne systemischen Denkens und Handelns von Ressour­cenorientierung und der Haltung des Nicht-Wissens geprägt. Der Coach handelt  hierbei, wie ein Künstler sein Werk schafft. Um hilfreiche Vorannahmen für die Kenn­zeichen solchen kunstanalogen Handelns zu formulieren, wurden in diesem For­schungsprojekt 31 Künstler ausführlich zu den Hintergründen ihrer kreativen Prozes­se und ihrer Haltung befragt. Wird die Essenz der getätigten Aussagen auf den Coa­chingprozess übertragen, erscheint dieser hochindividuell und dynamisch aus dem Moment zu erstehen und ist ergebnisoffen. Im kunstanalogen Coach fordert dies eine hohe Präsenz sowie sprachliche und ästhetische Kompetenz, welches zu einer inten­siven Selbstfürsorge einlädt.

Most of the interviews published here are part of the Master project "The Art of Coaching - Approaching the Essence of Art Analogue Coaching".

What they helped me find out you can read in the abstract of my master thesis:
Art analogue coaching is based in systemic thinking and acting, which means that it is resource-oriented and „not knowing“, not founded upon a priori knowledge. By utili­sing the innovative methods of art, evolving change processes are supported crea­tively. Just as an artist creates his work, so an art analogue coach shapes the pro­cess of coaching. He or she acts in a similar manner to an artist. 31 artists have been interviewed as part of this master thesis in order to explore what art analogue thin­king and acting possibly involves. The essence of their various statements about their work, creative process and attitude has been transferred to explain art analogue coa­ching. The process of coaching therefore seems to be dynamic and highly individual - it springs from the moment. Its result or outcome appears to be left completely open. This implies that an art analogue coach must be highly aware, perceptive and pre­sent, aesthetically sensitive and able to use communication skills, f.ex. put useful questions. To sustain these capabilities, extensive self-care seems necessary.

Kategorie: Portraits

 

I fell in love with Ezra Furman's music the first time I heard it. Probably for once I have to thank the fact that I seem to live in a hopeless and forgotten region in the southern North of Germany, where the last bus heading for our village leaves at approximately 7 pm. This means that I have to spend a lot of my evenings in front of the station in the car, waiting for a train from Hamburg to arrive in order to get my sons home when they are late from school. It is not a good place, as I am willing to demonstrate here:

 Büchen Bahnhof - instagram photo von Britta Weinbrandt

One of these nights in 2015 I did what I rarely do: I listened to a broadcast on the radio. And there it was. An Ezra Furman show. I felt struck by lightning. Happy. Understood. All kinds of things. Suddenly I knew there was someone out there feeling like I did. And unlike me, he was able to express himself. Through music. He speaks so many languages fluently, like Punk, Doowop, Country, Rock 'n' Roll... His lyrics are very much worth listening to. For me, Ezra Furman instantly became one of my greatest heroes, standing in a line with David Bowie, Tom Waits, Joan Armatrading and Bob Dylan. It felt like an awakening. I do not even care that he cannot really sing. It's the spirit!

I am listening to Ezra Furman all the time. My family thinks I am crazy. When I had finally managed to get a ticket for his Frankfurt show in February, 2016, I contacted the US american singer/songwriter to ask him for an interview. This took me a lot of courage. I did not expect an answer, I just had to try it. To my surprise and delight he wrote back: "I'm excited to meet you!"

Spaziergang durch Frankfurt

Frankfurt is only a few hours away and I have been there before, but the way old and new buildings are fit together keeps astonishing me. I took a long walk in order to to calm down before I went to the Zoom Club.

Zoom Club Frankfurt 

We met before the show. Of course I had been planning everything ahead. I prepared loads of possible questions, I even wrote down some kind of conversation guide (which, to be honest, was to be a guide for my master thesis and all the following interviews I did as well, but Ezra initialised it. A year later now, I am still working on it). The only room we found after I had introduced myself was backstage, and the only light sources we had were the emergency exit sign and my voice recorder. I had to let go of my plans and just went with it. These are the questions I came up with.

How do you work? From the lyrics, you could be a poet, you could just print the things you write. What does it make you turn it into a song? 

"Oh wow. There is a lot of different ways I have done it, honestly. There is just a lot of ways, there is just no rules to it. I wish there was a formula I could always generate a good one. One thing that I do is I keep phrases, I keep writing stuff down, lines and phrases, just words that I like and I just  keep it on notebook and I can keep notes on my phone and I just keep a bunch of scraps of language around. I think of them. A lot of times I am like listening to music and thinking about what could happen: What I could do? What if I did this music that I am listening to but did it in this other way? Or it could be better in this way or something. So then I have this library at phrases and then I guess I sit down at an instrument at some point and start to play and see if I can get anything good to come out. It' s really  intuitive and I just start playing and see what I start singing. And sometimes I look at those notes, or like grasp from there and sometimes I just need those later on in the process when I need to finish it. When on that it's like I am like sort of constantly a little bit on the lookout: Can I use something? I am always trying to write a song. Or just trying to write something. And if you have that just going as a constant, more or less constant thing, then your brain just kind of does it for you. If there is anything you think about all the time, suddenly it emerges. You don' t have your Eureka-moment like a scientist or like an inventor. If you think of it all at once that is because you have been thinking about it all the time. And you don't just have an idea out of nothing, it is like you put all this stuff in your head for ages until it combines and comes out. So a lot of times when I write a song it will come out really fast and just be like there. It is like I found it."

You seem to capture so many different speeds in your songs. How do you determine it? Does it come from the words or does it just emerge the same way?

"I have no idea. I don't know. I just start doing something, it seems to work or not work. That's a musical element, how fast the words are going, how fast the tempo is going. You are trying to make it fit with whatever mood you have left on to."

As an example you can watch Ezra Furman and the Boyfriends perform one of his faster songs here. "Walk On In Darkness" is one of my favourites.

I was listening to Frank Zappa on the way here and he gave me a great question to ask you: What's your conceptual continuity?

"I maybe don't have enough of one because I am a little scattered musically. And I have sometimes been criticised or criticised myself for not being focussed enough and create one mood for a whole album. But at the same time, the mood is like being all over the place and life being something large and your heart containing multitudes, your heart containing many things at the same time, that's what I think what my life is like. I feel a lot of different stuff within an hour. I mean I just get mood swings, that's part of my life. I am very volatile. (laughs)"

How does being an artist help you with that? Or: Is there a connection? 

"Mm, it doesn't help. (laughs) You have asked me before: Is it therapeutic to kind of express yourself, and I think the word is cathartic. It's cathartic to perform these emotions in a very intense way. But it doesn't actually make them go away. Essentially the really therapeutic thing about it is that it's something to do that I can do. Usually when I am in a really bad mood I can't really do anything. I can't get any good work done. That's not always true. I have been in terrible mental states and just used the task of writing a song to say: Okay, I am going to do this! I know, this is something I can do! Which is certainly better than doing nothing. I have been to therapy and I have ways that I calm myself. A lot of times it is just seeing people, talking to people who I like, being social. It is really important."

I know that you „give it all“ when you are on stage. How do you regenerate when you are on tour ?

"The days are harder than the nights, because to wake up and kind of do stuff, load all the gear into the venue and you are tired from last night... But it's really the adrenaline of the show being about to start and meeting and seeing all those people there that you have never met and who are excited to see what you did. That just gives adrenaline. That's actually part of the problem though, because it just gives you so much adrenaline, that you still have adrenaline at the end of the day. You probably should go to sleep but you are still talking to people."

You sing a lot about beauty. I would love to ask you what beauty means to you?

"Wow! That is quite a question! Like in „Ordinary Life“, yeah, beauty is in that one. I probably in songs use the word beauty to mean things, like everything. To me it's very very beautiful that anything exists. And that's like my core position as a human being, that life is a gift, that the whole world is a gift and you get numb to it too easily. So I say: „The human mind gets sick of beauty“. Life is beautiful and you just just forget it so quickly. I am always trying to remind myself. Music does that thing of going beyond words, and beyond ideas, it has a spiritual and emotional uplift, that kind of reminds you about the grandness of existence. (laughs). I know I am being very flowery here. That is what  I use it for. That's what music does for me at its best: makes me notice that I am alive. That's all, soothing and beautiful."

This is the official video of "Ordinary Life".

I told you I was trying to be like an artist when I am working with people who need my help. Can you give me something to cling on to: What could that mean? 

"Oh, I mean to me an artist is someone who does something because it is beautiful or satisfying, that is the essential difference between someone who is doing things as an artist or - there is other kind of people I gather, like a religious person – they do things that are not useful but they are just gorgeous. They are gorgeous and they kind of live this hard weird life where you don't necessarily make money, you don't necessarily have any peace. You just work really hard, not for utility, not because it gets you ahead in some way. But actually just because of the thing, because you want the thing to be beautiful or good in this certain way. I think a lot of people actually do that with their work. To me that's how you be an artist, regardless of what you are doing. You could be an artist about being a locksmith. If you really have the kind of lock that you want to work on and the way you want to do it and you turn down jobs because you have to go to certain doors and help certain people and make it beautiful. You know that? I call it, that's an artist! So, that's my answer to that question! Yes!"

Ezra furman's signed album covers

Ezra even asked me if he had said something "useful". Afterwards he signed the three record covers I had brought, and he told me that my questions were the best questions he had ever been asked. Seeing that "Perpetual Motion People" is his album number 8, I left feeling very proud.

Then the show started and I enjoyed it very much. I got to know a lot of people in the audience who traveled as far as I did to get to see him. Ezra Furman is not only a very special person who seems like a fish in water when he is on stage - and, as I was able to observe until nearly 2 pm, when he is dancing, too - he seems to attract a special kind of fans aswell. I had a great time and I decided then to keep going to wherever he appears, if possible.

Ezra Furman show

In Frankfurt, I was especially touched by his cover of "Heroine". I saw Ezra Furman again in London in June, 2016, where he gave a speech about Lou Reed and Velvet Underground at the British Library. Sadly, the recording of the evening is not online because of copyright questions. Around that time Rough Trade must have done the following interview. Another reason to just love Ezra Furman is his answer to the question: "What advice would you give your teenage self?" His reply: "I don't know, I'd probably ask my teenage self for advice."

You can find Ezra's homepage and blog here, or follow him on Facebook and Twitter. There will be only one appearance in Europe in 2017, at the Barbican in London. Please, Ezra, if you should ever bother to read this blog: I want you to know that there are people in Germany waiting for you to come back aswell! Thank you for everything! 

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