Kategorie: Praxisinfo

An dieser Stelle informiere ich über Themen, mit denen ich mich intensiv inhaltlich auseinandergesetzt habe. Ich verdiene mit diesem Blog nichts, es ist für mich lediglich ein Weg, um Gedanken zu sortieren und Themen auszuarbeiten und zu verdauen. Wenn ich Glück habe, interessieren diese Themen vielleicht auch andere!

Kategorie: Praxisinfo

 

Ich werde sehr oft von Eltern oder Erzieherinnen zwischen Tür und Angel um die Einschätzung der Sprachentwicklung eines Kindes gebeten. Wenn Kinder Probleme mit verschiedenen Lauten haben und ständig falsch verstanden werden, dann machen sich die Angehörigen natürlich Sorgen. Selbstverständlich stelle ich keine Ferndiagnosen, aber es ist durchaus keine Zauberei, nach ein paar gezielten Nachfragen aus den geschilderten Eigenarten schließen zu können, ob genau dieses bestimmte Kind dringend einmal einem Arzt vorgestellt werden müsste, um frühzeitig einer Sprachentwicklungsstörung vorzubeugen. Ich möchte an dieser Stelle gern verraten, woran ich mich bei meiner Entscheidung orientiere, und konzentriere mich auf den Schwerpunkt Ausspracheentwicklung.

Ausspracheprobleme sind tatsächlich die häufigsten sprachlichen Schwierigkeiten, die Kinder zeigen. Die differenzierte Steuerung der Sprechmuskulatur muss erst einmal koordiniert werden. Dabei wissen viele durchaus schon um die richtige Aussprache, können diese aber noch nicht bewältigen. Ich hörte einmal einer Erzieherin zu, die ein Kind, das noch gar keine Zischlaute bewältigen konnte, liebevoll in ihrer eigenen Aussprache aufforderte, sie solle doch bitte noch ihre „Nocken“ anziehen. Empört antwortete diese: „Das ist doch keine Nocke! Das ist eine NOCKE!“ Sie konnte Nocken sehr klar von Socken unterscheiden, nur eben noch nicht richtig aussprechen.

Kinder können hierbei Schwierigkeiten bei der Lautbildung (Phonetik), also der Artikulation an sich, oder der Lautverwendung, also der phonologischen Wahrnehmung zeigen. Welche der beiden Ursachen zutrifft - oder sogar beide - ist das, was unter anderem im Laufe einer logopädischen Diagnostik herausgefunden werden muss.

Aussprachestörungen

Barbara Dodd erforschte Aussprachestörungen in Newcastle in Großbritannien und konnte anhand ihrer internationalen Studenten beweisen, dass auf der ganzen Welt ein sprachenunabhängiges Klassifikationsmodell von Aussprachestörungen formuliert werden kann. Annette Fox-Boyer wendete diese Forschung auf die deutsche Sprache an. Im Bereich der phonologischen Auffälligkeiten wird demnach zwischen einer verzögerten Entwicklung, einer konsequenten oder inkonsequenten phonologischen Störung unterschieden.

Vorab ein paar Definitionen. Ein Phonem (Laut) ist eine bedeutungstragende sprachliche Einheit, die sich nicht weiter in bedeutungsunterscheidende Einheiten zerlegen lässt. Es kann (phonetische) Varianten bilden, die zum Teil auch dialektal sind (Zungenspitzen- oder Zäpfchen-/r/, korrektes oder gelispeltes /s/). Spreche ich in meiner Muttersprache Friesisch, nenne ich meinen Namen mit einem vorn gebildeten /r/, spreche ich jedoch deutsch, verwende ich eigentlich automatisch das hinten gebildete /r/. Wenn ich es verwechseln sollte, würde das wahrscheinlich niemand wirklich bemerken. Der Inhalt der Aussage bleibt erhalten, egal, für welche dieser Varianten ich mich entscheide. Das Wort an sich wird nicht verändert.

Weicht die Aussprache jedoch phonologisch ab, dann wird entweder die Wortstruktur verändert oder Laute durch andere ersetzt. Wenn ein Kind kein /k/ sprechen kann, wird es dieses häufig durch ein /t/ ersetzen. So kann es nicht nach der „Kasse“ fragen, sondern sagt „Tasse“. Der Inhalt verändert sich - und der Zuhörer landet somit statt im Einkaufsladen plötzlich in der Puppenküche. Eine solche Abweichung von der regelhaften Aussprache wird „phonologischer Prozess“ genannt. In diesem Fall hat das Kind die Aussprache des /k/ (das mit dem Zungenrücken artikuliert wird) zum /t/ vorverlagert, das mit der Zungenspitze lautiert wird - ein Prozess, den viele Kinder im physiologischen Lautspracherwerb zeigen. Mit 3;0 Jahren haben die meisten Kinder diesen Prozess überwunden und können ein /k/ sprechen. Fox-Boyer hat für den Phonemerwerb einsprachig deutscher Kinder folgende Erwerbszeiträume dokumentiert:

 Phonemerwerb im Deutschen

Als erworben gilt ein Phonem, wenn es von 90 % der Kinder einer Altersgruppe in mindestens zwei von drei Fällen korrekt ausgesprochen wird.

Phonetische Störungen/Artikulationsstörungen

Von phonetischen Störungen/Artikulationsstörungen (am bekanntesten ist das Lispeln) sind ca. 5-10 % der ausspracheauffälligen Kinder betroffen. Die Zunge kann bei der multiplen Interdentalität beim Sprechen zwischen den Zahnreihen herausgucken. Dies betrifft alle Laute der 2. Artikulationszone, die hinter dem Zahndamm gebildet werden, wie /l, n, d, t, stimmhaftes und stimmloses s, ts/. Ebenso zählen dazu seitliche Bewegungen der Zunge, die sogenannte Lateralisation, die bei /sch, stimmhaftem und stimmlosem s, ts/ beobachtet wird. Es muss gefragt werden, ob eine Störung der Mundmotorik vorliegt oder ob das Kind sich eventuell eine falsche Lautproduktionsstelle angewöhnt hat, was auch durch Imitation geschehen kann. Ein solches Phänomen  tritt manchmal auf, wenn ein neues Kind zuzieht, auf das die Liebe fällt, und das diese Angewohnheit zeigt. Das wird dann leicht mal nachgeahmt, damit man auch so cool ist!  Solche Kinder profitieren von der Förderung der Verbesserung der Wahrnehmung und Koordination im Mundraum und allgemein von der Förderung der Mundmotorik.

Phonologische Entwicklungsverzögerung

Die verzögerte phonologische Entwicklung betrifft etwa 50 % der auffälligen Kinder. Sie haben weder mundmotorische Probleme noch Defizite in der phonologischen Bewusstheit. Sie zeigen ausschließlich physiologische phonologische Prozesse, ersetzen jedoch weiterhin Laute, die ihre Altersgenossen zu einem früheren Zeitpunkt bereits erworben haben. Bei ihnen muss man den Grund für die Entwicklungsbremse herausfinden. Sie profitieren jedoch sehr von Hörwahrnehmungsübungen.

Annette Fox-Boyer fand in ihren Studien folgende phonologische Prozesse, die demnach physiologisch, also altersgemäß zu erwarten sind:

 physiologische phonologische Prozesse

Kinder, die über die angegebenen Zeitpunkte hinaus die geschilderten Prozesse zeigen, sind phonologisch verzögert, zeigen jedoch eine physiologische Entwicklung. Es  sei denn, es wären ALLE Frikative vom Prozess der Plosivierung betroffen oder ALLE unbetonten Silben würden weggelassen, das wäre dann nicht mehr physiologisch sondern behandlungswürdig. Vielen dieser nur entwicklungsverzögerten Kinder hilft eine Sprachförderung im Kindergarten. Eine Verzögerung von mehr als sechs Monaten gilt allerdings auch hier als signifikant und sollte ärztlich untersucht und logopädisch behandelt werden.

Konsequente phonologische Störung

Es gibt jedoch phonologische Prozesse, die in keiner physiologischen Ausspracheentwicklung vorkommen. Kinder mit einer konsequenten phonologischen Störung zeigen eine Phonologie, die in in mindestens einem Laut unphysiologisch, also sozusagen pathologisch ist. Solche nicht im regelrechten Phonologieerwerb beobachtbaren phonologischen Lautersetzungsprozesse sind z.B.:

  • Vokalveränderungen (Banane→ Bonane) (Veränderte Vokale sind ein generelles Warnzeichen, denn sie deuten sehr häufig auf eine Hörstörung hin)
  • Tilgung betonter Silben (Kanne → Ne)
  • Rückverlagerungen (sind nur bei /sch/ → /ch1/ („ich“) Tisch → Tich physiologisch) (häufig beobachtete pathologische phonologische Rückverlagerungsprozesse sind Tanne → Kanne, Trecker → Krecker, Fisch → Sisch, Ball → Baj, Teller → Tejer)
  • Anlautprozess: Tilgung von Konsonanten am Wort-/Silbenanfang (Kanne → Anne)
  • Silbenverdopplung (Teller →  Tette)
  • Ersetzungen durch /h/ sind nur bei /r/ physiologisch (Schule → Hule)
  • Ersetzungen mehrerer Lautgruppen am Wortanfang durch /d/ (hier ist nicht die alleinige Vorverlagerung von /g/ wie in „dedangen“ gemeint, welches für sich genommen physiologisch wäre)
  • Reihenfolgenvertauschungen (Gabel → Bale)
  • Hinzufügungen von Vokalen und Konsonanten (Telefon → Telefron, blau → belau)

Störungen dieser Art zeigen ca. 20-30 % der ausspracheauffälligen Kinder. Sehr häufig sind sie im Alter von 2 Jahren erstmals als „Late Talker“ aufgefallen. Man hat herausgefunden, dass Kinder, die mit 24 Monaten noch keinen Wortschatz von über 50 Wörtern entwickelt haben und auch noch nicht beginnen, zwei Wörter miteinander zu kombinieren, gegenüber sich unauffällig entwickelnden Kindern ein 20-fach erhöhtes Risiko tragen, eine Sprachstörung zu entwickeln. Die Störungsursache liegt am phonologischen Erkennen und mangelnder Speicherung von Lautmaterial. Sie tragen gleichfalls das Risiko, später eine Lese-Rechtschreibschwäche auszubilden. 60-70 % dieser Kinder haben Legastheniker in der Verwandtschaft und zeigen demnach eine genetische Disposition. Als Vorschulkinder profitieren sie deutlich von Hörwahrnehmungsübungen. Ich habe in meinem Blog weitere Informationen dazu und eine umfangreiche Übungssammlung zur Förderung der phonologischen Bewusstheit gesammelt. Durch eine alleinige Sprachförderung im Kindergarten werden Kinder mit einer konsequenten phonologischen Störung ihre massiven Sprachverarbeitungsprobleme jedoch kaum überwinden können und benötigen dringend eine logopädische Therapie.

Inkonsequente phonologische Störung

Bei der inkonsequenten phonologischen Störung treten physiologische und pathologische Lautveränderungsprozese nebeneinander auf. Diese Gruppe macht zum Glück nur ca. 3-5 % der ausspracheauffälligen Kinder aus und ist damit eher selten. Häufig durchlebten die Betroffenen auffällige Schwangerschaften und Geburten, eventuell liegt eine minimale Hirnstörung vor. Die Störung liegt hier auf der Ebene des motorischen Programmierens. Die Kinder sprechen das gleiche Wort mehrfach verschiedenen aus. Innerhalb eines Benenntests werden von 25 Wörtern mindestens 40 % inkonsequent ausgesprochen. So kann z.B. bei dreimaligem Benennen das Krokodil einmal richtig, einmal als Totodil und einmal als Kokodil bezeichnet werden, oder Wasser als Hatter, Waffer und Laller. Frosch kann Fos, Rosch, Frot oder Fros werden. Es wird deutlich, dass das Kind noch kein System erworben hat, nach dem es phonologisch vorgeht. Dazu kommt meist ein äußerst eingeschränktes Arbeitsgedächtnis. Gleichzeitig haben diese Kinder häufig ein starkes Störungsbewusstsein. Sie sollten frühzeitig umfassend untersucht werden und Hilfe erhalten.

Da man Kindern normalerweise nicht einfach anhört, um welche Art der Ausspracheproblematik es sich handelt, wenn sie Laute miteinander ersetzen, ist es besonders wichtig, sich Rat und Hilfe zu suchen. Ich rate insbesondere dazu, wenn beim Kind Frustrationen auftreten, weil es nicht verstanden wird. Hier gilt: Je früher, desto besser. Die gute Nachricht ist: Je nach Studie sind nur 6 bis 15 % der Kinder einer Altersgruppe überhaupt von Sprachentwicklungsstörungen betroffen!

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Es ist erwiesen, dass Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten daraus entstehen können, dass Kinder die  Einzellaute, aus denen Wörter aufgebaut sind, nicht richtig wahrnehmen und verarbeiten können. Das kann man sich ja auch leicht vorstellen, dass ein Wort, wenn es nicht richtig gehört wird, auch nicht richtig geschrieben werden kann.

Weiterlesen: Übungssammlung zur Förderung der phonologischen Bewusstheit

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Vor einigen Jahren wurde ich durch die Beschäftigung mit J.T. Webbs „Hochbegabte Kinder – Das große Handbuch für Eltern“ auf Kazimierz Dabrowskis Forschungen aufmerksam gemacht. Damals ging es für mich als Teilnehmerin eines Elterntrainings bei Suzana Zirbes-Domke darum, passende Unterstützung in der sozial-emotionalen Entwicklung hochbegabter Kinder leisten zu können, die sich häufig durch eine besondere Hochsensitivität, eine schnellere, gründlichere und feinere Verarbeitung der Sinneswahrnehmung, auszeichnen. Die Betroffenen haben ein sehr hohes Empfindungsvermögen, können ihre tief empfundenen Gefühle im ebenso extremen Ausmaß äußern - und durch ihre Intensität sehr anecken und missverstanden werden. Neu war für mich, dass Dabrowski diese Ausprägungen in fünf Bereiche einteilt, in die psychomotorische, sensorische, intellektuelle, imaginative und emotionale Hochsensitivität (im Original: Overexcitability – welches aber eine nur unzureichende Übersetzung aus dem Polnischen darstellen soll). Dabrowski beschreibt, dass es um erhöhte Intensität der Erfahrung und Wahrnehmung der Außenwelt und der emotionalen Energiefelder anderer Menschen ginge, um größere Lebendigkeit und Wachheit, meist in Kombination mit einem schnellen Reaktionsvermögen und einem Sinn für Essenz, Tiefe und Komplexität. Im deutschen Sprachraum sind eher die Arbeiten von Elaine Aron bekannt, die einen Test für Hochsensitivität entwickelt hat, der auch auf deutsch übersetzt wurde. Einen anderen, sehr brauchbaren Test findet man auf der Seite von Luca Rohleder.

Psychomotorische Hochsensitivität

  • Ich habe viel Energie
  • Ich bin zappelig, unruhig
  • Ich rede schnell und oft
  • Ich liebe Bewegung
  • Ich knabbere an meinen Fingernägeln
  • Ich mag schnelle Spiele
  • Ich schlafe nicht viel
  • Ich bin impulsiv
  • Ich konkurriere/wetteifere gern
  • Ich habe nervöse Gewohnheiten
  • Ich drücke meine Gefühle körperlich aus
  • Ich bin manchmal kompulsiv/habe die Tendenz, Handlungen zu wiederholen
  • Ich benehme mich manchmal daneben
  • Ich kann mich stark für etwas engagieren

Psychomotorische Hochsensitivität ist kennzeichnet durch ein Übermaß an hoher Energie. Diese Menschen sind aktiv und energiegeladen, was sich in einem erhöhten Bewegungsdrang, schnellem Sprechen (insbesondere bei überschießend guter Laune) und leidenschaftlicher Begeisterungsfähigkeit ausdrücken kann. Man stelle sich Eddie Murphy, Robin Williams und Jim Carrey in einem Raum vor. Sie brauchen als Kinder wenig Schlaf. Schnelle Sportarten sind beliebt, Wettbewerbskämpfe auch. Psychomotorische Hochsensitivität muss aber nicht gleich heißen, dass man supersportlich ist. Man hat lediglich mehr Energie zur Verfügung als der Rest der Bevölkerung. Für Kinder kann das auch sehr unangenehm werden. Ich erinnere mich sehr stark, wie ich auf einer Kindergeburtstagsfeier die uns betreuenden Eltern im Nebenraum zueinander sagen hörte: „Typisch Britta – die Kleinste ist immer die Lauteste!“ Dieses Gefühl, „Zuviel“ zu sein, begleitet mich bereits mein ganzes Leben, und das war auch der wahrhaft positive Effekt, den das Lesen von „Living with Intensity“ (der Lektüre, die diesen Blogeintrag inspirierte) in mir schließlich ausgelöst hat: Ich bin nicht allein!

Emotionale Anspannung wird ebenso motorisch ausgedrückt, Beine werden stundenlang gewippt, es können nervöse Angewohnheiten bis zu motorischen Tics auftreten oder zwanghaftem Organisieren. Ich habe Jugendliche gesehen, die unaufhörlich Kugelschreiber auseinander- und wieder zusammengebaut haben oder ihre Federtaschen geöffnet und geschlossen, aus- und wieder eingepackt haben, ohne das zu registrieren. Kinder können häufig nicht verlieren, Erwachsene werden leicht zu Workaholics.

Man kann sich vorstellen, dass die Gefahr von ADHS-Fehldiagnosen bei solchen Ausprägungen besonders hoch ist. Tatsächlich ist die psychomotorische Hochsensitivität bei hochbegabten Kindern nachweislich am weitesten verbreitet.

Daniels und Meckstroth fassen zusammen, dass man solchen Kindern sitzende Aktivitäten verkürzen sollte, Bewegungs- sowie Entspannungsmöglichkeiten anbietet und schlagen Aussagen vor, mit denen man betroffene Kinder positiv ermutigen kann:

  • „Du hast unglaublich viel Energie.“
  • „Deine Intensität wird dir helfen, viele Dinge zu erreichen.“
  • „Ich wünschte, ich hätte auch nur ein Fünkchen von Deine Energie.“
  • „Dein ganzen Körper arbeitet mit, wenn du lernst.“
  • „Du bewegst dich viel und sitzt nicht gern still.“
  • „Manchmal braucht der Körper ein wenig Entspannung.“

Sensorische Hochsensitivität

  • Ich liebe es, Dinge zu berühren
  • Ich habe ein starkes Verlangen nach Behaglichkeit und Gemütlichkeit
  • Ich suche Genuss und Vergnügen
  • Ich reagiere sensibel auf Düfte
  • Ich liebe Musik
  • Ich liebe Schmuck
  • Mich stören Schilder in der Kleidung
  • Ich schätze Schönheit
  • Ich esse zuviel
  • Ich kann Nähte in Socken nicht leiden
  • Als Kind konnte ich nicht barfuß über Rasen laufen
  • Ich werde durch Sinneswahrnehmungen (Töne, Gerüche, Temperatur, Bilder etc.) abgelenkt
  • Kunst zieht mich zutiefst an
  • Ich mag Theater und darstellende Künste

Sensorische Hochsensitivität bezieht sich besonders auf die sinnliche Wahrnehmung, Sehen, Riechen, Schmecken, Berühren, Hören. Diese Menschen empfinden einen großen Genuss bei sensorischen Erfahrungen wie Sprache, Musik, physischer Zärtlichkeit, Düften. Sie haben eine Neigung zu sinnlichen Genüssen wie Essen und Trinken. Es besteht ein Bedürfnis nach Ästhetik und Freude an schönen Dingen, Bildern, Kunstwerken - mit solchen Menschen verpasst man keinen schönen Sonnenuntergang und sie können so in ihren (Natur)erfahrungen versinken, dass die Umgebung mitunter ausgeblendet wird. Sie verlieren sich in Details und nehmen die Welt wie durch ein Mikroskop wahr.

Bei emotionaler Anspannung spielen sich solche Kinder gern ins Rampenlicht, viele überessen sich. Erwachsene gehen extremshoppen. Die Kehrseite ist auch eine deutlich erhöhte taktile Reaktion auf Stoffe, Materialien und Oberflächen. Es sind Kinder, die ihre Socken umdrehen müssen, weil sie die Nähte nicht ertragen. Ihre Eltern müssen nachts die wenigen Klamotten, die die Kinder besitzen, auf der Heizung trocknen, damit sie am nächsten Tag wieder etwas zum Anziehen haben - davon kann ich als Mutter ein Lied singen. Es kann Empfindlichkeit gegenüber grellem Licht, wie Leuchtstofflampen bestehen, ebenso kann es auch sein, dass kein diffuses Kerzenlicht ertragen wird. Ablenkbarkeit, Kopfschmerzen und Erschöpfung, z.B. bei Lärm können die Folge sein. Kinder mit einer Überempfindlichkeit bei Geschmack und Textur von Lebensmitteln können die Nahrungsaufnahme verweigern, ebenso lösen Gerüche mitunter starke Übelkeit und Würgreiz aus.

Auch kleine Dinge können zu beschämenden Erfahrungen führen. Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen, dass ich in der Grundschule einmal minutenlang einen Lichtreflex mit dem Zeigefinger umkreiste und aus dieser Versunkenheit geholt wurde, indem mir bewusst wurde, dass ich dran war, eine Matheaufgabe zu lösen, da meine Lehrerin mich bereits mit deutlicher ungehaltener Stimme aufforderte, die Lösung zu sagen. Da ich nicht wusste, welche Aufgabe oder wie lang ich schon dran gewesen war, blieb mir nichts anderes übrig als so zu tun, als könnte ich es nicht. Dass ich nicht zugeben konnte, geträumt zu haben, war mir allerdings damals schon sehr klar…

Daniels und Meckstroth schlagen vor, den betroffenen Kindern die Umwelt so zu gestalten, dass sie maximalen Komfort und Ästhetik genießen können. Sich die Zeit zu nehmen, auch einmal mit ihnen entspannt an einer Rose zu schnuppern. Die Probleme mit der Kleidung ernst zu nehmen. Und darauf gefasst zu sein, dass solche Kinder sehr viel länger Übergangsobjekte benötigen als ihre Altersgenossen, dass es also durchaus vorkommt, dass der Teddy noch in der höheren Schule im Spind sitzen muss… Ermutigende Bemerkungen könnten sein:

  • „Wie du dich über schöne Dinge/Gefühle freuen kannst!“
  • „Du magst ____ Stoffe/Laute sehr gern spüren, aber ich kann sehen, dass dir ___ Geräusche/Stoffe ganz schön etwas ausmachen.“
  • „Du weißt genau was du magst und was dir gut tut.“
  • "Manchmal macht es Spaß, etwas Neues auszuprobieren. Möchtest du mal ____ ausprobieren?“

Intellektuelle Hochsensitivität

  • Ich liebe es, Probleme zu lösen
  • Ich bin sehr neugierig
  • Ich lese sehr gern
  • Ich kann mich über längere Zeit konzentrieren
  • Ich strebe nach Gerechtigkeit
  • Ich stelle bohrende Fragen
  • Ich liebe es, dazuzulernen
  • Ich analysiere gern Dinge
  • Ich denke gern theoretisch
  • Ich möchte immer richtig liegen
  • Ich brauche/suche die Wahrheit
  • Ich denke gern über das Denken nach
  • Ich beobachte sehr akkurat
  • Ich liebe detaillierte Planung

Intellektuelle Hochsensitivität beschreibt Menschen, die mit einem großen Wissenshunger, tiefer Neugier und einer Begeisterung für Logik und Theorien ausgestattet sind. Sie stellen bohrende Fragen, sind scharfe Beobachter und haben eine anhaltende Konzentrationsfähigkeit sowie ein gutes Gedächtnis mit einer extrem hohen Merkfähigkeit. Sie sind getrieben davon, zu erfahren, was die Welt im Innersten zusammenhält. Ich kenne ein Exemplar, das fast manisch jedes einzelne technische Gerät, das er in die Finger bekommt, einmal aufschrauben und reingucken muss, weil er offensichtlich nicht ruhig weiterleben kann, wenn er nicht sofort weiß, wie es da drin aussieht. Sie lieben das Lernen und neue Erkenntnisse, lösen gern Denkaufgaben und Probleme und lesen sehr viel. Solchen Kindern wird nachts die Taschenlampe weggenommen. Was nichts bringt. Ich selbst bin dann regelmäßig aufgestanden und habe mein Buch Zeile für Zeile durch den kleinen Schlitz an der Kinderzimmertür gezogen, durch den das Flurlicht hereinkam. Sie streben bereits in frühen Jahren nach Wahrheit und Verständnis, haben hohe Moralvorstellungen, gehen planerisch vor und erstellen neue Konzepte. Sie reflektieren sich selbst ohne sich zu bewerten, als unabhängige Denker, die auch philosophisch über das Denken nachdenken. Intellektuelle können auch sehr kritisch Dinge und Menschen hinterfragen. Wenn sie keinen guten Tag haben, analysieren sie alles so in seine Einzelteile, dass es ihnen nicht mehr gelingt, diese wieder zusammenzusetzen.

Daniels und Meckstroth bitten darum, bereits sehr kleine Kinder in ihren intellektuellen Bedürfnissen ernstzunehmen und ihnen zu ihren eigenen Projekten, auch zu Kontakt mit ähnlich tickenden Kindern, zu verhelfen. Sie sollten Hilfe erhalten, wie sie ihre unendlichen Fragen selbst beantworten können. Kommunikation und Fragetechniken sollten thematisiert werden. Hilfreiche Sätze sind:

  • „Deine Neugier treibt dich voran.“
  • „Du interessierst dich wirklich für alles.“
  • „Du lernst viele neue Sachen und wirst Dinge bewegen/verändern können.“
  • „Du bleibst dran an deinen Projekten, die dich interessieren.“
  • „Ich mag es, wie du deine Ideen verteidigst."
  • "Du bist offen, um viel Neues zu lernen.“

Imaginative Hochsensitivität

  • Ich stelle mir Dinge lebhaft vor
  • Ich liebe Phantasie
  • Ich erfinde Dinge
  • Ich schmücke die Wahrheit aus
  • Ich mache mir viele Sorgen
  • Ich fürchte mich vor dem Unbekannten
  • Ich träume sehr intensiv
  • Ich liebe Theater
  • Ich glaube an Magie
  • Ich bin humorvoll
  • Ich habe imaginäre Freunde
  • Ich würde gern malen
  • Ich benutze oft Metaphern/Gleichnisse
  • Meine Sprache und Zeichnungen sind reich bebildert

Imaginative Hochsensitivität bedeutet, eine ausgeprägt lebhafte Phantasie und visuelle Vorstellungskraft mit Erfindungsreichtum zu haben. Solche Menschen lieben es, komplexe imaginäre Abläufe zu erdenken, sind kreativ, visualisieren gern und haben einen ausgesprochenen Sinn für Poesie und Drama. In der Kindheit kann es zu magischem und animistischem Denken kommen, sie haben die Fähigkeit, sich in eine belebte Welt zu träumen und versinken in eigenen oder bestehenden Märchen- und Phantasiewelten. Viele haben imaginäre Freunde.

Bei emotionaler Anspannung kann es schwer sein, die Wahrheit vom Erdachten zu trennen. Fiktion und Realität werden mitunter vermischt. In Stresssituationen schalten solche Kinder ab oder flüchten sich förmlich in ihre Phantasiewelten. Dadurch stehen sie sich selbst im Wege, meiden Neues und verpassen somit Chancen. Sie langweilen sich schnell und brauchen immerzu neue Anregungen. Es können sich auch ausgeprägte Albträume und Ängste zeigen. Diese Kinder werden oft fälschlicherweise für ADS-Kinder gehalten.

Daniels und Meckstroth schlagen vor, ihnen zahlreiche Materialien und Medien zum Zeichnen, Bildhauern, Schreiben, Tanzen, Schauspielern, Bauen und Planen zur Verfügung zu stellen, mit denen sie ihre imaginären Erlebnisse festhalten und vertiefen können. Ihre Vorstellungskraft weiter anzuheizen mit Fragen danach, wie sich das Erdachte beispielsweise in anderen Zeitepochen zeigen würde. Ihnen Geschichten vorzulesen und Entspannungsmethoden vorzustellen. Aktivitäten anzubieten, die kein Ende beinhalten, und ihnen zu helfen, zwischen Realität und Fiktion klar zu unterscheiden. Ihnen zu sagen:

  • „Du hast eine lebhafte Vorstellungskraft.“
  • „Du nimmst die Welt ganz anders wahr.“
  • „Du denkst dir tolle Geschichten aus und kannst sie gut erzählen.“
  • „Du machst die Welt zu etwas Besonderem.“

Emotionale Hochsensitivität

  • Ich bin sehr empfindlich
  • Ich kümmere mich um andere Leute
  • Ich bin schnell frustriert
  • Ich habe ein ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis
  • Ich habe Einfühlungsvermögen
  • Ich bin schüchtern
  • Meine Gefühle sind extrem ausgeprägt
  • Ich mache mir oft Sorgen
  • Ich bin einsam
  • Ich habe ein starkes Verantwortungsgefühl und fühle mich manchmal sogar schuldig
  • Die Stimmungen von anderen Menschen beeinflussen mich
  • Gefühle bleiben mir sehr lange im Gedächtnis
  • Ich kann mich schwer auf Veränderung einstellen
  • Ich reagiere physisch auf Gefühle, mit Erröten, Magendrücken etc.

Emotionale Hochsensitivität bezeichnet eine gesteigerte Empfindsamkeit für positive sowie negative Gefühle, sehr intensive und komplexe Gefühle, von denen mehrere - auch ambivalente und gegensätzliche - gleichzeitig erlebt und erforscht werden können. Solche Menschen können schüchtern und vorsichtig sein, aber ebenso euphorische und ekstatische Momente erleben. Wenn sie gut gelaunt sind, können sie einen ganzen Raum zum Erstrahlen bringen. Wenn sie traurig sind, lastet die ganze Welt auf ihren Schultern. Sie besitzen eine sehr differenzierte Eigenwahrnehmung, führen innere Dialoge und können sich selbst gut beurteilen. In Bezug auf zwischenmenschliche Beziehungen zeichnen sie sich durch ein hohes Einfühlungsvermögen und besondere empathische Qualitäten aus. Oftmals können sie in einer neuen Gruppe innerhalb kürzester Zeit detaillierte Auskunft darüber geben, wer wie zu wem steht und scheinen fast hellseherische Intuition zu entwickeln. Sie fühlen die Gefühle anderer, als wären sie ihre eigenen. Wenn sie aus dem Kino oder dem Theater kommen, sind sie außerstande, zu erzählen, wie es war, wie sie es fanden. Sie müssen eine Nacht darüber schlafen. Das gleiche empfiehlt sich, wenn sie z.B. nach Verkaufsgesprächen eine Entscheidung zu treffen haben. Sie gehen ausgeprägt tiefe Bindungen an Menschen, Tiere, Orte und Objekte ein und haben Schwierigkeiten, sich in neuen Umgebungen einzugewöhnen.

Eine meiner ganz schlimmen Kindheitserinnerungen in dem Bereich ist das Mitfühlen mit Pflanzen. Ich entsinne mich an einen Nachmittag, den ich tränenüberströmt in totaler Agonie verbracht habe und nicht in der Lage war, meiner Mutter gegenüber einzugestehen, dass ich wegen eines Farnes weinte, den sie als tot deklariert und vom Wohnzimmer auf die windige Terrasse verbannt hatte. Der Schmerz war unglaublich. Die Lächerlichkeit des Gefühls war mir gleichermaßen bewusst. Diese gleiche Terrasse bekam von mir später einmal eine Plakette verliehen, auf der in Erinnerung an die gefällte Esche, die ich "Wilhelm" genannt hatte, geschrieben stand „Dieser Baum wurde sinnlos gemordet“.

Psychosomatische Reaktionen werden häufig beobachtet: Bauchschmerzen, Herzklopfen, Erröten, schwitzige Hände. In Stresssituationen reagieren sie möglicherweise zudem mit Ängsten, übertriebener Selbstkritik, Schuld und Scham und fühlen sich verantwortlich für nicht kontrollierbare Ereignisse und Zustände. Depressivität, Beschäftigung mit dem Tod und Suizidalität sind häufig nicht fern. Sie können so von Gefühlen überwältigt werden, dass sie zu keiner Handlung mehr in der Lage sind.

Daniels und Meckstroth beschreiben, dass diese Kinder Bezugspersonen brauchen, die ihnen bedingungslos zuhören und sie in ihrer Gefühlsintensität ernstnehmen. Wenn sie das Gefühl vermittelt bekommen, dass das, was sie zu sagen haben, auch anderen wichtig und wertvoll ist, können sie das Selbstvertrauen entwickeln, dass sie, die in ihrer Intensität und ihrem überbordendem Ausdruck von niemandem verstanden werden, jemanden haben, der es zumindest versucht. Wir können ihnen durch Akzeptanz und Aktives Zuhören helfen, diesen Gefühlen einen Namen zu geben. Sie sollten einen Wortschatz der Gefühle vermittelt bekommen und Gefühle immer wieder thematisieren dürfen, um sich selbst, z.B. auf einer Skala, einschätzen zu lernen. Udo Baer und Gabriele Frick-Baer haben auf diesem Feld hervorragende Arbeit geleistet und wunderbare Bücher geschrieben. Zudem müssen die Betroffenen erkennen und zugestehen, dass andere auch Gefühle haben, auch wenn sie sie nicht in der Extreme nach außen zeigen, in der sie es erwarten. Die Vermittlung sinnvoller freiwilliger Aktivitäten, wie ein Ehrenamt, tun diesen Kindern gut und nehmen ihren Wunsch nach sozialem Engagement ernst. Sie profitieren von folgenden Ermutigungen:

  • „Du fühlst, was andere fühlen.“
  • „Du hast tiefe Gefühle und tust sehr viel für andere.“
  • „Du bist sehr aufrichtig anderen gegenüber.“
  • „Du stehst zu denen, um die du dich sorgst.“
  • „Du kennst Freude, Frust, Traurigkeit, Liebe und Ärger – eine ganze Welt der Gefühle.“

Dabrowskis Theorie der positiven Desintegration

Wirklich spannend wurde das ganze Thema für mich erst kürzlich wieder, als ich durch das Buch „Living with Intensity“ auf Dabrowskis zugrundeliegende „Theorie der positiven Desintegration“ stieß, die bereits 1964 publiziert wurde und den bestehenden Formen der Hochsensitivität erst einen wirklichen Sinn verleiht. Durch den Austausch mit vielen hochsensiblen Menschen weiß ich, dass einige auch noch als Erwachsene sehr stark unter ihrer niedrigschwelligen Wahrnehmung und Verarbeitung von Sinnesreizen leiden können. Hochsensitivität ist keine Krankheit, aber sie kann in ihrer Symptomatik unter Umständen als eine solche empfunden werden. Denn diese intensive Wahrnehmung und etwaige körperliche Reaktionen darauf arbeiten sich nicht etwa im Laufe der Zeit ab, sie können bis ins hohe Lebensalter ungebremst erhalten bleiben. Dabrowski sieht darin jedoch nicht nur die Chance zu einer potentiell positiven Persönlichkeitsentwicklung, er hält die Hochsensitivität sogar für eine Notwendigkeit und Voraussetzung, um Wachstum in ein reiches und erfülltes Leben im Einklang mit sich selbst, seinen höheren Werten und der Umwelt entstehen zu lassen. Der durch das erhöhte Empfindungsvermögen bedingte innere Konflikt wirkt hier als antreibende Kraft, Veränderung zu bewirken. Und damit gibt Dabrowski selbst solchen Lebenskrisen, die sich in psychischen und behandlungsbedürftigen Auffälligkeiten äußern (wie z.B. Depression, Ängsten, Psychosomatik), eine Dimension, die ihnen die Pathologie einer Störung nimmt. Sie gehören für ihn einfach erwartungsgemäß zum Leben dazu.

Symptome nicht zu bekämpfen, sondern sie einfach als Herausforderung anzunehmen, das ist ein Ansatz, der mir sehr entgegenkommt. Es handelt sich um nichts anderes als ein Reframing. Die Kunst, (vermeintlich) Negatives positiv umzudeuten, ist ein großer Bestandteil eines widerstandsfähigen, resilienten Lebens, und allein das Bewusstsein dafür hat mir bereits in vielen Situationen sehr geholfen. Für mich fängt es übrigens mit dem Benennen schon an, denn es macht z.B. einen starken Unterschied, ob ich ein Kind als „hyperaktiv“ oder „altklug“ bezeichne, oder ob ich es - mir, insbesondere dem Kind selbst und auch seinen Eltern gegenüber - als „bewegungsfreudig“ oder „kommunikativ und an allem interessiert“ erkenne und annehme. 

Weil ich sie als so wertvoll erachte, möchte ich die Theorie der positiven Desintegration hier ebenso ausführlich darstellen, wie ich mich den dazugehörigen Formen der Hochsensitivität gewidmet habe. Kazimierz Dabrowski (1902-1980), der im Zweiten Weltkrieg in Polen Schreckliches erlebt, jedoch auch viel Hilfsbereitschaft erfahren hatte, beschäftigte sich als Psychologe, Arzt und Philosoph mit Biographien von bekannten Menschen, Heiligen und insbesondere auch begabten Menschen, Künstlern und Kreativen. Er fand heraus, dass sowohl (intellektuelle) Begabung als auch Hochsensitivität maßgeblich das individuelle Entwicklungspotential bestimmen. Als dritten Faktor benannte er das Streben nach Wachstum und Autonomie. Daraus formulierte er fünf Stufen der Persönlichkeitsentwicklung im Prozess vom ichbezogenen Egozentriker zum selbstbestimmten Altruisten.

Entwicklungsstufen der Persönlichkeit

Stufe 1, „Primäre Integration“ ist geprägt von purem Egoismus. Das Selbst ist das Zentrum des eigenen Universums. Alles ist gut, was dem Selbst dient, es ist ausschließlich Bedürfnisbefriedigung gefragt. Es besteht kein wirkliches Bewusstsein für sich selbst, keine Innenschau, kein innerer Konflikt. Empathie oder Verantwortungsgefühle gibt es nicht. Andere sind dazu da, zu eigenen Gunsten manipuliert und ausgenutzt zu werden. Ich nehme an, es beschreibt den klassischen Narzissten. Im Falle einer äußeren Krise kann kein inneres Wachstum geschehen. Probleme werden schlicht recycelt. Zum Beispiel streitet man sich ständig mit allen um das gleiche Thema oder lässt sich nach der x-ten Scheidung noch immer auf den gleichen Typ Partner ein. Mir fällt dazu die kleine Anekdote ein, wie ich letztes Jahr in einem kleinen englischen Straßencafé frühstückend meinen Tischnachbarn eine unfassbar frauenfeindliche Bemerkung zu einem Passanten sagen hörte. Als deren Gespräch beendet war, konnte ich mir nicht verkneifen, mich zu ihm hinüberzudrehen und ihn höflich anzusprechen, ob ich ihn fragen dürfte, wie oft er schon geschieden wäre? Seine wenig überraschende, allerdings recht humorvolle Antwort lautete: „Twice. I am currently between divorces. - Zweimal. Ich befinde mich gerade zwischen zwei Scheidungen.“ Bingo!

Stufe 2, „Unilevel Desintegration“ kann typisch sein für Phasen wie die Pubertät oder Menopause.  Die Persönlichkeitsstruktur kann krisenhaft teilweise zusammenbrechen, Entwicklung führt jedoch noch nicht zu Wachstum. Nicht persönliche Werte werden als wichtig erachtet, sondern soziale Gruppen und soziale Zwänge. Was andere denken, spielt hier eine sehr große Rolle. Es wird nach Bestätigung von außen gesucht. Anpassung als Überlebensstrategie. Dinge werden erledigt, weil „man“ es eben so tut, nicht, weil man sich daran erfreuen könnte. Wenn der Nachbar BMW fährt, schafft man sich dann eben auch einen an. Getan wird, was erwartet wird. Rasenkanten sind jederzeit akkurat ausgestochen. Es ist einfacher, Mitläufer zu sein. Ich nehme an, es beschreibt den klassischen Fundamentalisten. Antworten zu bestehenden Lebensfragen werden (mitunter unstet) in Heilslehren, externen Normen, Führungspersonen und Autoritäten gesucht, jedoch niemals in sich selbst. Die innere Stimme wird nicht befragt.

Stufe 3, „Spontane Multilevel Desintegration“ ist nun die erste Stufe, in der übergreifend und mehrschichtig positive Desintegration geschehen kann. Google definiert Desintegration (Spaltung, Zerfall) wie folgt: „Mangel an Integration; schrittweise Auflösung von etwas, das ein integriertes Ganzes ist.“ Oft passiert eine solche Krise plötzlich, es gibt einen konkreten Auslöser, eine Krankheit, ein Verlust, ein Versagen. Unrecht wird stark gefühlt, diese Menschen sind anderen gegenüber einfühlsam und stellen Vieles in Frage, stellen viele Fragen. „Was ist der Sinn des Lebens?“ „Warum bin ich hier?“ Es entsteht ein innerer Konflikt, eine psychische Erschütterung, die sich auch in Ängsten, existenzieller Verzweiflung, Schmerzen und Depression äußern können. So gibt es ein deutliches Spannungsfeld zwischen dem, „was ist“, und dem, „was sein sollte“. Auf dieser Stufe werden persönliche Werte entwickelt. Innere Schweinehunde werden erfolgreich bekämpft. In der abgleichenden Bewegung in Richtung ihres neu anvisierten Sollzustandes kommt es schließlich zu innerer Transformation.

Stufe 4, „Organisierte Multilevel Desintegration“ ist der Fortschritt, der sich aus der vorherigen Entwicklung aus der inneren Krise heraus ergibt. Das, „was sein sollte“, konnte sich manifestieren. Es besteht eine klare Richtung im Leben, es gibt einen gefühlten Auftrag, eine Mission, die dazu befähigen, zunehmend immer häufiger in Selbstverwirklichung seine Ideale zu leben. Es handelt sich um autonome, verantwortliche Menschen, die sich ihrer Selbst bewusst und unabhängig von ichzentrierten Bedürfnissen sind. Sie leben in Einklang mit ihren persönlichen Werten und sind frei von dem Gefühl, soziale Konventionen bedienen zu müssen. Sie sind mitfühlend ihren Mitmenschen in einem Gemeinschaftsgefühl verbunden.

Stufe 5, „Sekundäre Integration“ beschreibt eine weit fortgeschrittene mehrschichtige Entwicklungsstufe, einen Menschen, der mithilfe großer Intuition und Wissen sein Ideal erreicht hat und darüber hinaus auf eine Verbindung zu etwas Höherem, Größeren vertraut und sich und sein Leben dem Wohl der Gesamtheit widmet, im Kleinen oder im Großen. Ein solcher Mensch ist authentisch, mitfühlend, im Einklang mit allem Leben und hat inneren Frieden erreicht.

Die von Dabrowski genannten Beispiele Jesus und Gandhi und von Piechowski ergänzten Eleanor Roosevelt und Peace Pilgrim (eine Frau, die alle weltlichen Besitztümer aufgab, um 28 Jahre für einen guten Zweck durch die USA zu wandern) ließen mich nicht nur stark an der offiziellen Erreichbarkeit dieser Stufe zweifeln, sondern das Erreichen darüber hinaus als nicht unbedingt wünschenswert für mein Leben sogar deutlich ablehnen. Dankbar war ich daher, als ich den Artikel von Stephanie Tolan las. 

Sie beschreibt, dass sie ähnliche Bedenken hatte und man die katholische Prägung Dabrowskis sehen muss, um das Zustandekommen dieser Stufe zu verstehen. Ihr half ein Satz, der Ralph Waldo Emerson zugesprochen wird: „Nachahmung ist eine Form des Selbstmords“, und sie kam zu dem Schluss, dass für sie jemand die fünfte Stufe erreicht hat, der sich selbst und sein Innerstes so transformiert hat, seine Erfahrungen solcherart reflektiert und in die Welt bringt, dass sie sein höchstes Bewusstsein und die Verbundenheit mit der gesamten Menschheit, deren Teil sie sind, ausdrücken. In meinen Worten sind es Menschen, die so leben, wie sie „gemeint“ sind. Und das finde ich dann wieder ein schönes und erstrebenswertes Ziel...

Kategorie: Praxisinfo

 

 

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Kindern mit besonderen Begabungen oder hochbegabten Kindern werden häufig besondere Eigenschaften zugeschrieben, wie zum Beispiel ein ungewöhnlicher großer Wortschatz, ein eigenmotivierter früher Schriftspracherwerb und zu wenig Schlaf.

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