Warum fängt eine freiberufliche Logopädin, die ein zweites Standbein als Dozentin hat, nebenbei jahrelang berufsbegleitend studiert hat, zwei Schulkinder und einen Mann "jongliert", letzteren in ihrer Freizeit auch noch bei der Haussanierung unterstützt, also nachweislich keine Zeit haben dürfte, an zu bloggen?

Die Antwort ist ganz einfach: Weil ich wirklich gern schreibe und - wie mir zurückgemeldet wird - wohl auch außergewöhnlich viel lese. Und das muss ja mal irgendwo landen!

Ich konnte schon immer besser denken, wenn ich etwas aufgeschrieben hatte, konnte mir ein Fremdwort oder ein neues englisches Wort besser merken, wenn ich es geschrieben hatte oder zumindest wusste, wie man es schreibt. Das führte dazu, dass ich irgendwann mal darauf aufmerksam gemacht wurde, dass ich tatsächlich ohne es zu merken mit den Fingern in die Luft schreibe. Scheint mir zu helfen. Ich führe auch immer irgendwelche Listen, gerne To-Do-Listen. Ich nutze Schreiben zur Entscheidungsfindung. Unvergessen ist die Pro- und Contra-Liste, anhand derer mir klar wurde, dass ich mit meinem damals noch ungeborenen ersten Sohn nur in meiner Muttersprache Friesisch würde reden können - egal, wie viele Kilometer ich von meiner Heimatinsel Föhr weg bin und dass niemand sonst in der Umgebung diese Sprache spricht. Aber da stand eben auf der Pro-Seite alles, was mit mit positiven Gefühlen, mit dem Herzen zu tun hatte, und auf der Contra-Seite nur irgendwelche diffusen Ängste und Befürchtungen. Schwarz auf Weiß lag die Lösung vor mir. Ohne Notizbuch gehe ich kaum aus dem Haus. Ich führe außerdem Tagebuch, seit ich fünfzehn bin, und einiges davon kann ich heute noch gut lesen. Schreiben lässt mich nicht vergessen, Schreiben strukturiert mich. 

 

Tagebuecher Kreatives Schreiben

 

Ich versuchte mich also irgendwann auch in kreativem Schreiben. Ein paar Geschichten brachte ich für den friesischen Erzählwettbewerb "Ferteel iinjsen" zu Papier, z.B. war  "Wüfensbeschük" die erste. Darauf wäre ich allerdings nie von selbst gekommen, sondern ich wurde in einem Schreibworkshop bei der friesischen Schriftstellerin Ellin A. Nickelsen dazu angeregt. Als ich davor einmal Julia Camerons zwölfwöchiges Kreativitätstraining „Der Weg des Künstlers“ durchgeführt hatte, hatte ich ein wohl eher ungewöhnliches Erlebnis gehabt. Bis heute nutze ich in intensiven Arbeitsphasen ihre Idee, per "Morgenseiten" mir alles ungefiltert und unzensiert von der Seele zu schreiben, was im Kopf herumschwirrt, bevor ich mich an etwas heransetze. Bei der Aufgabe, mir einen positiven Brief aus der Zukunft und einen aus der Vergangenheit zu schreiben, hatte ich gerade angesetzt, ein paar fiktive Dankessätze an mich aus meiner Kindheit zu formulieren, als - offensichtlich - mein Inneres Kind die Führung über meine Hand übernahm und sich weigerte, weiterzuschreiben. Meine Hand blockierte dermaßen, dass ich seitenweise einfach nur Kreise kritzeln konnte, die bis auf die nächsten Seiten durchdrückten, weil sie sich erst freischreiben musste. Anschließend schrieb mein Inneres Kind mir unverblümt und negativ, wie es ihm wirklich ging, und teilte mir auch mit, was es von mir brauchte.

 

Inneres Kind Kreatives Schreiben 

In den folgenden Monaten kamen schließlich auch andere Persönlichkeitsanteile meines Inneren Teams zu Wort, woraus sich zunehmend Schreibdialoge ergaben. Im weiteren Verlauf konnte ich einfach auf einem Blatt eine Frage formulieren und meine Hand schrieb mir eine Antwort dazu auf. Mir ist klar, dass das vielleicht schräg klingt, aber es erklärt hoffentlich meine unbedingte Überzeugung, dass Schreiben befreit, dass es tiefere Persönlichkeitsschichten aufdecken kann, dass man sich selbst dadurch ein Stück besser kennenlernen kann und dass es wirklich auch gesund ist, es einfach zu tun.

Jahre nach diesem Erlebnis machte mich eine Händigkeitsberaterin zwischen Tür und Angel darauf aufmerksam, dass sie mich ja wohl nicht zu diagnostizieren bräuchte und gab mir die Aufgabe, selbst darauf zu achten, wie viel ich mit der linken Hand mache. In der Grundschulzeit hatte ich einen Kampf durchlebt, aus dem Gekrickel, das ich - meine Linkshändigkeit nicht ahnend - nur zustande brachte, eine weiche und fließende Handschrift zu formen. Daher war ich eigentlich dagegen entschieden, eine Rückschulung auf eine Linkshänderschrift zu beginnen. Die Schwungübungen aber, die ich mit Wachsmalern mit meiner ungeschickten linken Hand ausführte, fühlten sich so wunderbar an, dass ich dann doch weitermachte. Mein Fazit ist, dass es sich auch auch auf rein motorischer Ebene einfach gut anfühlt, Schreibbewegungen zu machen. Später lernte ich dann durch die Künstlerin Christine Gast im offenen Atelier und die "Poesieorientierten Methoden" der Dozentin Kerstin Hof den "Schreibtanz" kennen, bei dem man beidhändig Stifte zur Musik an der Wand auf riesigen Papieren bewegt, und das ist tatsächlich sehr angenehm und befreiend.

Es ist also nicht nur das Schreiben an sich, sondern auch das Schreiben mit der Hand insbesondere, das mich antreibt. Die Kinderbuchautorin Cornelia Funke beschreibt in einem Zeit-Interview: "Als ich zum ersten Mal wieder mit der Hand ein Manuskript verfasste, hatte ich das Gefühl, dass mir jemand das Spielen zurückgegeben hatte. Die Hand macht einem deutlich, dass man mitten im Formulieren und Kreieren steckt." Sie stellt dabei auch die Freiheit heraus, die in der "Ineffizienz" des Handschriftlichen liegen kann. Ich selbst habe sogar schon beim Gehen etwas verfasst:

Dabei ist es mir gar nicht wichtig, dass unbedingt etwas Produktives dabei herauskommen muss. Im Gegenteil mache ich es wirklich eher für mich selbst und nutze den kreativen Prozess des Schreibens für andere Dinge, die dann freigesetzt werden. Große Nachwirkungen bis heute hatte ein Workshop "Art in Nature", den ich im Rahmen meines Studiums mitgemacht habe. Unser Professor, Wolfgang Mussgnug, setzte uns sozusagen in der wüsten Dünenlandschaft Fuerteventuras aus, mit der Aufgabe, etwas zum Thema Grenze/Grenzenlos zu gestalten. Ich hätte ein Muster in den Sand ritzen können, aber mir kamen Worte. Die ich in mehreren Durchgängen in meinem Tagebuch neu sortierte und zusammenstellte. Und am Schluss kam etwas heraus, das jemand an anderer Stelle einmal als "hermeneutisch", also verschlossen und schwer zugänglich, bezeichnet hat. Wobei - fällt mir gerade ein - er dabei eher Bezug genommen hat auf mein unabhängig davon gefundenes neues "Arbeitsmotto":

Christoph, ich möchte Dir hier zurufen: "Aber darum geht es gar nicht!", dass mich jemand versteht. Und für mich ist in dem spontan entstandenen Text plötzlich der Titel enthalten gewesen, den ich viele Monate später schließlich meinem Blog geben "musste". Und auch darüber brauchte ich nicht mehr lange nachzudenken. Und das ist genau der Punkt! Das, was daraus entstehen kann, wenn man sich einem Schreibfluss hingibt. Ich traue mich mal, den Text an dieser Stelle zu veröffentlichen. Wie man unschwer merkt, hat er nur für mich eine spezielle Bedeutsamkeit.

Time
The final frontier
Doctor, Doctor, gimme the news
Bin ich frei?
Bin ich brtt?
Bin ich im Hier und Jetzt?
Bin ich zu intensiv?               
Will ich zuviel?
Jümmers mit'n Kopp döör de Wand?
Wo fange ich an und wo höre ich auf?
If I could save Time in a Bottle -
würde ich das wollen?
A Tear through the Fabric of Time -
brauche ich das?
Was brauche ich, um mich wohlzufühlen?

Spiegelneurone nerven
Mitschwimmen oder mitgerissen werden
Schwimmen im Brit Pool
Sometimes I feel...
IMMER ALLES

Wibbly Wobbly Timey Wimey
Jede Entscheidung, die ich treffe,
kreiert ein Paralleluniversum

Vertrauen ist gut – Kontrolle ist besser
No trespassing
No crowdsurfing
No woman no cry -                   
It's a bit more complicated than that

Und was soll die Telekom von mir denken?

Finde Pogo auf der Metaebene
Dauer Wechsel Nähe Distanz
fluide kristallin transparent opaque
Die Erfolgreichen sagen: Fuck off!

I'm holding the key (to the TARDIS)
Was ich brauche ist
- unvermittelten Ausbruch in Tanz und Gesang
- Freiheit im Innen
- selektiv-aggressiven Kakofeminismus

Worse than everybody's Aunt -
Die Grenze bin ICH.

Vielleicht erkennt der eine oder andere Eingeweihte höchstens, dass ich damals offensichtlich viel Dr. Who geguckt habe... Worum es hier hauptsächlich geht, ist der Effekt, den dieser Text für mich hatte. Ich nutze das kreative Schreiben (und nicht nur das) immer häufiger auch in meinen Seminaren, um neue Themen auf persönliche Art einzuführen und gleich in die Tiefe zu gehen. Ich möchte diesen Funken, den mir das Schreiben eröffnet, gern weiter in die Welt tragen. Oft sind mir schon die Tränen gekommen, aus Rührung oder vor Lachen, wenn jemand sich anschließend traute, seine Worte vorzutragen. Ich habe bereits Pamphlete vernommen, Gedichte, ein Märchen, einen Werbetext, eine Liste, Oden oder sogar ein selbst erstelltes Kreuzworträtsel. Ich bin stets reich beschenkt worden. Also habe ich mir vorgenommen, mich ebenfalls zu trauen, mit meinen Texten auch mal in die Öffentlichkeit zu gehen. Mein Dank gebührt hier vor allem Susanne Beucher, die mir in ihrem Präsentationsworkshop den Artikel mit Cornelia Funke schenkte und dadurch bei mir auslöste, auch einmal über das Schreiben an sich nachzudenken. Und es geht mir nicht um einen allgemeingültigen Sinn, sondern um einen persönlichen Sinn, sozusagen die Essenz dessen, was mich beschäftigt.

Worum wird es also in meinem Blog gehen? Um genau die Dinge, die mich beschäftigen. Und da bin ich nicht eingeschränkt. Das kann IMMER ALLES sein. Im Bereich der Logopädie biete ich eine ganze Bandbreite möglicher Therapien an und habe mich in viele Spezialbereiche tiefer eingearbeitet. Auch als Trainerin wurde ich vor kurzem als "breit aufgestellt" bezeichnet und bin immer noch jederzeit dankbar für jedes neu zu entdeckende Themenfeld, das Teilnehmerinnen sich von mir wünschen. Das bedeutet, dass ich ganze Meter im Bücherregal zu bestimmten Themen durchgearbeitet und mit dem Besuch passender Fortbildungen vertieft habe. Ich brauche das. Das führt aber auch dazu, dass ich sehr häufig, wenn ich auf einen interessanten Blogtitel klicke und denke, dass mein Lesehunger nun gestillt würde, mit einer gewissen Enttäuschung zurückbleibe, wenn dieser nach wenigen Sätzen endet und mir klar wird, dass ich bereits vor dem Lesen mehr über das Thema wusste als nachher. Ich habe nie verstanden, wofür ein solcher Blog gut sein soll. Auch hier möchte ich IMMER ALLES berücksichtigt sehen. Ich werde mich also weder inhaltlich noch thematisch reduzieren.

Als Museumsjunkie, Spiel- und Theaterpädagogin und in meinem Studium des kunstanalogen Coaching habe ich vielfältige Erfahrungen mit angewandter Kunst gemacht. Ich habe eine Neigung zu bunten Assoziationsketten und lasse mich gern selbst überraschen, wo ich als nächstes lande.

Ich möchte diesen Blog nutzen, um mich mit meine Arbeit und Lebenswelt betreffenden Themen auseinandersetzen zu können, um sie letztendlich für mich neu aufzubereiten. Und warum sollen andere nicht an meinen Zusammenfassungen, Erfahrungen und Gedanken teilhaben? Gleichzeitig möchte ich die Möglichkeit nutzen, die Menschen, die mir begegneten, mit denen ich intensive Gespräche führen durfte, hier vorzustellen. Im Rahmen meiner Masterarbeit zum Beispiel habe ich mit einigen Künstlern und Kreativen gesprochen, die mich unglaublich inspiriert haben, und auch sie sind es wert, gehört zu werden. Denn letzten Endes sind es die Menschen, von denen ich lerne, und nicht die Bücher... Viel Spaß also beim Eintauchen in meine Themenwelten!

Okay, an dieser Stelle sollte der Text eigentlich enden, aber eine weitere Assoziationskette, die durch den Satz mit den Menschen ausgelöst wurde, bringt mich jetzt noch einen Schritt weiter in der Darstellung dessen, welche Auswirkungen ein "harmloser" Text für mich haben kann. In Kerstin Hofs Workshop, der bislang der letzte war, den ich zum Thema Schreiben mitgemacht habe, landeten wir in der neu eröffneten Hamburger Kunsthalle. Da ich die Ausstellung schon gesehen hatte, wusste ich sofort, wohin ich wollte und zu welchem Werk ich eine Resonanz schreiben wollte, die Videoinstallation "Gut Ding will es so" von Torsten Brinkmann hatte mich nämlich sehr zum Lachen gebracht. Es entstand folgender Text, den ich mich mal entschlossen habe, in seiner Rohfassung zu zeigen:

 

Gut Ding will es so Resonanz 

Was ich zeigen will, ist, dass mein Ausgangspunkt - die Betrachtung eines Kunstwerks - ein deutlich anderer war als das Endergebnis, bei dem ich schließlich gelandet bin (- meine inneren Werte?). Am gleichen Tag bekamen wir die Aufgabe, zu einem vorgelesenen Gedicht ein Bild zu malen und aus diesem Bild wiederum einen Text zu machen. Das bei mir mal wieder aufgeworfene Thema "Kindheit" führte langfristig dazu, dass ich mich dazu inspiriert sah, meine "Embryonalschablonen", die ich in einem Playing Arts-Workshop in der künstlerischen Auseinandersetzung mit meinem Inneren Kind einmal zahlreich erstellt hatte, wieder hervorzuholen (Ich werde hier nicht einmal einen Versuch starten, meine Embryonalschablonen zu erklären). Und als ich eine Gelbe davon kurze Zeit später auf meinem Schreibtisch liegen sah, wusste ich plötzlich, was ich tun musste: Ich wollte mein Inneres Kind an den Ort bringen, an den es sich eigentlich immer schon geträumt hat. Anstatt also meinen sowieso schon kurzfristig geplanten Londonaufenthalt zu verleben, fand ich mich noch spontaner - wie man sieht, mit Zwischenstation in Nottingham. Ja, das ist Robin Hood, der da meine Embryonalschablone hält! - am Ufer des Loch Ness wieder, wo ich eine meiner Embryonalschablonen versinken ließ. Allerdings erst, nachdem ich mir das Europa-Hörspiel "Nessie - Das Ungeheuer von Loch Ness" noch einmal angehört hatte, Jahrzehnte nach dem letzten Mal. Meine Cousine Meiken und ich konnten es früher mit beliebig verteilten Rollen komplett auswendig aufsagen. Ein Teil von mir wird also nun auf ewig bei Nessie sein, meinem Lieblingsungeheuer. Und das fühlt sich - ohne es erklären zu können oder es auch nur zu WOLLEN - einfach gut an.

Langer Rede kurzer Sinn:

 Kreatives Schreiben Inneres Kind

 

 

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