Man sagt, in Extremsituationen offenbare sich der Charakter eines Menschen. Daher beginne ich diesen Artikel mit einer kleinen aussagekräftigen Anekdote über Kirsten Dressler. Nach einem Raubüberfall, den wir gemeinsam auf dem Weg zur MSH erlebten, verblieb ich verstört am Ort des Geschehens zurück und sammelte irgendwie sinnlos das ihr aus dem entwendeten Portemonnaie herausgefallene Kleingeld auf, während sie Adrenalin abbauend und laut fluchend hinter dem Dieb her rannte und ihn fast zu stellen vermochte, zumindest ein paar Scheine von ihm zurückholte. So beherzt geht sie auch in ihrer Kunst vor:

Die Medien der lebendigen und einmaligen Künstlerin und Kunsttherapeutin Kirsten Dressler sind so zahlreich wie ihre unkonventionellen und außergewöhnlichen, im positiven Sinne „verrückten“ Ideen: Zeichnung, Malerei, Film, Skulptur, Metall, Klang, Performance, Möbelgestaltung, Land Art... In unserem Gespräch, das bereits am 2. April 2016 stattfand, rührte sie mich mit ihren Worten ernsthaft zu Tränen. Ich fasse es hier zusammen. Das ungekürzte Interview findet sich hier.

Ich weiß von dir, dass du Skulpturen machst, ich weiß, dass du malst. Wenn du dich beschreiben müsstest: Was für eine Art Künstlerin bist du? - Kannst du das überhaupt? Was machst du noch alles?

„Photographie! - Nee, ich tob mich aus! Ich hab, wie gesagt, also richtig gründlich Malerei und Zeichnung studiert. Und irgendwann war ich es leid, also ich hab auch für heutige Verhältnisse lang studiert, sechs Jahre. Das bedeutet, zuerst Zeichnen und dann Malerei, und zwar richtig von Grund auf zeichnen. Mit Proportionen und hier und da, und dann mit Malerei, mit richtig selber Pigmenten herstellen und Ölmalerei mit Schichten und mit selber den Binder herstellen und den Firnis herstellen. Also richtig ganz klassische Malerei, Aufbau im Bild, ja, das war schön und spannend und ich wollte auch die Technik lernen, also es ging mir nicht darum, mein Leben lang das zu machen als Werk. So bin ich wohl, ich hab immer Lust zu erforschen.

Kirsten Dresslers Himmelsleiter
Kirsten Dresslers Himmelsleiter

Man kann mich tatsächlich als intermedial bezeichnen, weil ich gerne Künste zusammenführe, wie zum Beispiel Metall mit Klang. Das heißt, die Skulptur klingt auch. Ich habe ich eben Skulptur, also bildende Kunst, mit Theater verbunden. Ich habe eine Skulptur gemacht, die „Himmelsleiter“, aus Stahl, die sehr schlank ist, und fünf Meter fünfzig in den Himmel ragt. Sie ist eine Bewegung, also sie ist so wellenförmig. Das Buch von Henry Miller, „Das Lächeln am Fuße der Leiter“, da ist ein Clown, der will zum Mond und schafft das nicht. Der bleibt dann liegen und weint. Und das war auch eine Kombination von zwei Künsten, also intermedial, und zwar in diesem Falle halt Theater und Skulptur, weil da eben ein Schauspieler die Geschichte, den Plot von Henry Miller nachgespielt hat, als Pantomime auf der Leiter. Bei einer Vernissage.“


Um für dich gute Kunst zu sein, was braucht es? Worum geht es Dir da?

„Magie. - Diese zwischenmenschliche Interaktion hat eine Schönheit, eine Poesie, die man nicht wiederholen kann, und dieses Erlebnis bleibt im Herzen. Poesie bedeutet für mich etwas Ungreifbares, das plötzlich vorbeifliegt, was einen enthebt von der Alltäglichkeit, was dem Leben eine neue Dimension oder eine andere Dimension gibt. Einen Sinn dahinter. Es muss einen, ja, mir fällt das Wort nicht ein, animieren, überzeugen, es muss einen packen, ja, mitnehmen. Ein Aha-Moment!

Es können alle Medien sein. Die Idee kommt plötzlich, irgendwo, und ist dann da, und ich versuche, das so gut wie möglich umzusetzen. Also das versuche ich jedenfalls in dem Besucher oder in dem, der mein Bild anguckt, zu erzeugen, dass er eine Weite spürt. Das heißt zum Beispiel, du kennst doch mein Bild „Worauf warten?“, ich auf dem Fahrrad in der Elbe. Also deswegen ist es auch eine Weitwinkelaufnahme, es geht ums Ganze, ums Generelle, nicht um den Ausschnitt „Ich auf dem Fahrrad“, sondern auch die Umgebung. Und die soll klar sein, deswegen sind das alles horizontale Linien. Das Ufer hinten, das Ufer vorne, der Fluss und der Himmel. Und ich auch, ich bin zentraler Punkt im Bild, schwarz gekleidet auf einem schwarzen Fahrrad. Das hat eine graphische Qualität, die etwas Abstraktes hat aber auch etwas Verallgemeinerndes. Es soll nicht so individuell sein. Ich bin ein Zeichen für etwas, ein Synonym. In diesem Fall ist der Titel wie gesagt „Warum warten?“. Das heißt, hinter dem Bild steht ein Wunsch, ein Gedanke, Lust, eine Einstellung. Man kann damit vieles assoziieren. Zum Beispiel einen Flüchtling, der, wenn er stehenbliebe oder auf die Ebbe wartete, sterben würde. Das heißt, ich fahre mit dem Rad durch die Flut. Und es kann ein Symbol dafür sein, dass man ackert und ackert, aber nicht weiterkommt, denn jeder weiß, dass du im Wasser nicht radfahren kannst, da kippst du um.“

Es ist ja eher das Konzept, was bei deiner Photographie zählt, weil du ja das Photo gar nicht selber machst. Du bist ja auf den Photos drauf. Was ich so höre ist ganz oft eine Idee, und andere setzen das dann um.

„Oder Selfies. Also meistens bin ich autark. Und lasse mir helfen. Also auch in diesem Fall war das so, dass ich den Hendrik brauchte als Helfer. Ich hab das ganz stark dirigiert, wie ich es haben will. Das musste er, er hat einfach nur das gemacht, was ich haben wollte. Und dann spielt der Zufall eine Rolle, aber ich versuche das zu minimieren.“

Kirsten Dresslers
Kirsten Dresslers "Warum warten"

Hast du irgendwelche bestimmten Vorbilder?

„Ich hab viele, ja. Ja. Also ich liebe Gerhard Richter und Yves Klein. Die Ausstellung von Sarah Moon hat mich beeindruckt. Dann Louise Bourgeois, find ich geil. Ja, es gibt einige Künstler, auch unbekannte, auch Freunde, die ich bewundere. Werner Keller, unbekannt, super. Kain Karawahn, super, ein sehr wichtiger Partner über Jahre, also ich hab mehr für ihn gearbeitet als er für mich, Feuerkünstler. Es gibt sehr viele. Eigene Freundin, Lipsi von Stackelberg ist allerdings gestorben gerade.“

Was macht einen Künstler aus? Gibt es eine Definition? Irgendwas Universelles, was alle Künstler mitbringen?

„Kreativität. Distanz. Also so eine innere Freiheit, sich nicht verleiten zu lassen. Ja, Unabhängigkeit. Oh Gott, das soll ich jetzt in einem Satz zusammenfassen? Autark. Punkt. (lacht) Kleingeschrieben! Ich kann auch sagen: anarchist! Auch kleingeschrieben!“

Leiden für die Kunst! Was bedeutet das für dich?

„Es geht nicht anders, das ist so. Es ist immer so. Ich leide am meisten, wenn ich sie nicht mache. Also ich leide lieber mit der Kunst oder für die Kunst, als: Ohne Kunst ist es noch schlimmer. Also es hat ja nicht immer mit Tun zu tun, also plötzlich kommt es hervor, die Idee, und dann hat man natürlich den Druck, das machen zu müssen, sonst geht’s einem schlecht. In dem Moment stimmt das. Aber ansonsten kann man auch einfach so leben und warten und vielleicht den Blick nicht verlieren, für's Generelle oder das Feine. Wenn man sich keinen Raum dafür gibt, dann ist schlecht, dann geht’s einem schlecht.“

Du bist Künstlerin und Kunsttherapeutin. Wo ist für dich der Unterschied zu Kunst und Kunst in der Therapie? Wo ziehst du denn für dich die Grenze? Woran nimmst du jetzt wahr, das ist jetzt Kunst?

„Naja. Es heißt ja angeblich, Kunsttherapie soll was bezwecken. Was ich bezweifle. Man soll sich nicht einbilden oder anmaßen, dass man wirklich was bewirkt. Das kann passieren, es muss nicht. Ich behaupte auch nicht, dass alles, was produziert wird, da Kunst ist, sondern man gibt dem Klienten einen Freiraum. Kunstbegriff ist eh schwierig definierbar. Kannst 'ne Laus angucken: Ist Kunst. Du weißt das bestimmt am besten, Turner Prize vor ein paar Jahren, England, ich weiß nicht mehr, zwanzigtausend Pfund oder was dotiert, da hat jemand so'n Blu-Tack, diese Bubbles, die du da an die Wand backst, damit du da ein Photo drauf bappen kannst - Irgendwie noch genau geguckt, wie, wo passt das am besten, da hat er das rangematscht – und den Turner Prize gewonnen! Jaaa! Das heißt: Alles ist Kunst oder nichts ist Kunst, das ist heutzutage undefinierbar! Na ich maße mir nicht an, dass ich es alles weiß oder beurteilen kann, also andere, die haben – eben andere Blickwinkel, und für die ist das dann Kunst und für mich nicht, also das ist halt eine Frage der subjektiven Wahrnehmung.

Aber natürlich habe ich 'ne Philosophie und eine Ethik. Also ich zum Beispiel bin Freundin der Ästhetik und hab teilweise Schwierigkeiten, wenn eben Kunst benutzt wird, missbraucht wird von Politik, Werbung. Das sollte abgegrenzt sein. Und das kann ich nur hoffen, dass die Konsumenten das selber hinkriegen. Denn heutzutage gibt es da einfach Überschneidungen ohne Ende und Kunst kann alles sein oder nichts, ist total frei. Ja, das ist mein individueller Standpunkt. Ach, es geht ja oft beim Machen um eine Idee, einen Aha-Moment zu visualisieren. Ich binschlecht darin, das zu verkaufen. Ich freu mich, wenn man, wenn jemand inspiriert ist oder von mir aus beeindruckt oder zumindest interessiert. Wenn da eine Kommunikation stattfindet, bin ich schon zufrieden. Manchmal ärgere ich mich: Mensch geh doch mal ran! Oder bin: Sei konsequent und bleib dran am Thema! Aber nein, ich bin der Träumer und tanze weiter. Man braucht letztendlich kein Rezept, man braucht Intuition. Und das richtige, den richtigen Weg zu finden, auf einen Klienten einzugehen, so dass sich bei dem Räume, Freiräume eröffnen für neue Ideen, dass er zurück findet, direkten Zugang zu seinen eigenen Instinkten, eigenen Wurzeln, eigenen Ideen, die oft ja im Nebel sind oder ganz weg sind. Ach, man muss sich sehr gut kennen und darauf vertrauen, was man im Gepäck hat. Das muss man benutzen und das muss einem bewusst sein, was man da eigentlich so hat, anzubieten hat. An Qualitäten, an Wissen, und da gibt es natürlich unendliche Fortbildungsmöglichkeiten, aber da muss ich mal sagen, ist es wichtig, dass man zwar einerseits schon das realisiert, worauf man Lust hat, aber dass man da auch konsequent und strikt ist, dass man sozusagen ein Konzept hat, sich auf eine Linie, auf ein Profil sich konzentriert. Also das ist als Kunsttherapeut viel wichtiger noch, als als Künstler, weil man da ja wirklich als Professioneller an die Außenwelt tritt. Als Künstler kannst du dich zurückziehen, ist egal, solange du von was anderem lebst. Da kann das völlig frei sein. Als Kunsttherapeut, würde ich sagen, kannst du dir nicht alles leisten, da muss es, ja, eine Stabilität zeigen und, ja, mir fällt jetzt das Wort Kongruenz ein, warum, weiß ich gar nicht. Das hat man, diese Qualitäten hat man eh in sich. Und dessen muss man sich nur bewusst sein als Therapeut und damit selbstbewusst umgehen. Wie Beuys schon sagt: Jeder Mensch ist ein Künstler. Und man hat immer ein Gepäck mit dabei. Immer. Jeder.“

Wenn du jetzt auf deine lange lange lange lange Erfahrung zurück guckst. Was ist das allerwichtigste Werk, das du jemals für dich geschaffen hast?

„Das Feuersteinauge. Ich hab einen kleinen Steinbildhauerkurs mitgemacht, kein Riesenlehrgang, um das Material kennenzulernen und die Art und Weise, wie man damit umgeht. Natürlich gibt es tausend verschiedene Steinsorten, ich hab das einfachste genommen, Sandstein, es ist schön, kriegst du auch irgendwann mal ein Ergebnis. Nicht so frustrierend wie Marmor, ne, und auch nicht so ungesund. Weil das nicht so'n Feinstaub gibt. Ich hab diesen Klotz gehabt und vorher schon die Idee, dass ich das mache, das ist mir einfach gekommen. Ich hatte genau die Maße im Kopf, genau die Idee, hab die Zeichnung gemacht, ja, und bin dann mit ein paar Kollegen nach Italien gegurkt, und da sagte der Leiter der Gruppe, der Lehrer: Ja, was wollt ihr denn machen? Und probiert doch erst mal rum! Und ich hatte halt ein volles Konzept. Was bei Bildhauerei auch gut ist. Du musst vorher wissen, was du willst, denn weg ist weg, da kannst du zumindest bei Holz und bei Stein nicht so richtig gut ranbacken. Bei Stein schon gar nicht, außer ... naja, egal, außer du pfuscht mit Zement rum. Das wollte ich aber nicht. Ja, und dann hab ich mich durchgesetzt, und dann habe ich gesagt, ich will das machen. Und wenn ich das nicht machen darf, dann mach ich nix. Ja, dann mach ich hier in Italien Urlaub, ist auch schön. Durfte ich natürlich machen, meinen Kram.“

Kirsten Dresslers Feuersteinauge
Kirsten Dresslers Feuersteinauge

Ich bin sehr froh, dass Kirsten Dressler sich einladen ließ, ihre Holzskulpturenserie „Isebel“ am 7. Juli 2018 im Rahmen meines "Arts & Change - Tag" der offenen Tür auszustellen. Wer ihre berührenden Skulpturen sehen möchte, sei herzlich eingeladen, ab 14 Uhr vorbeizukommen.

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