BW: Du hast jetzt eben schon so viel erzählt: Dass du Skulpturen machst, ich weiß, dass du malst.Was machst du noch alles?
KD: Ja, Photographie!
BW: Stimmt. Hätte ich auch drauf kommen können. Wenn du dich beschreiben müsstest: Was für eineArt Künstlerin bist du? Kannst du das überhaupt?
KD: Ja, es ist ein bisschen schwer. Man kann mich tatsächlich als intermedial bezeichnen, weil ich gerne Künste zusammenführe, wie zum Beispiel Metall mit Klang. Das heißt, die Skulptur klingt auch.
BW: Bist du die, die sie zum Klingen bringt, oder auch der...
KD: Nee, meistens Interpreten, die Musiker sind. Das bin ich nicht.
BW: Ah, okay, das heißt, du gibst das dann in andere Hände.
KD: Ja, und der ist frei und darf selber letztendlich entweder improvisieren oder ein Stück, das erkennt , selber spielen und - was ich dir vorhin erzählt hab - da habe ich eben Skulptur, also bildendeKunst, mit Theater verbunden. Ich habe eine Skulptur gemacht, die „Himmelsleiter“, von der ich dir erzählt hab, aus Stahl, die sehr schlank ist, und fünf Meter fünfzig in den Himmel ragt. Sie ist eine Bewegung, also sie ist so wellenförmig, und das Buch, Henry Miller, von Henry Miller, kommt mir gleich der Titel wieder, daraus ist das...
BW: Ich kenn nur „Wendekreis...“
KD: Nee, es ist ein Clown, der will zum Mond und schafft das nicht. Der bleibt dann liegen und weint. Und jetzt bin ich damit gerade überfordert, den Titel dir zu sagen.
BW: Macht nichts.
KD: Hol ich nach.
BW: Aber das hat mit der Leiter zu tun.
KD: Und das war auch eine Kombination von zwei Künsten, also intermedial, und zwar in diesem Falle halt Theater und Skulptur, weil da eben ein Schauspieler das Buch von Henry Miller oder die Geschichte, den Plot von Henry Miller nachgespielt hat, als Pantomime auf der Leiter. Bei einer Vernissage.
BW: Du hattest mir das ja vorhin schon erzählt, dass es dazu eine Performanc e gab, und das klang aber so fernab von dir. Das heißt: Hattest du ihn beauftragt, das zu tun?
KD: Ja.
BW: Er hat nicht nur die Leiter dazu benutzt, sondern das war auch deine Idee.
KD: Ja. Ich habe ihn eingeladen, bezahlt, und also auch ein Profischauspieler, den man bezahlen muss. Und ihm auch das Thema vorgegeben, aber die Interpretation hat er dann selber gemacht.
BW: Und warst du zufrieden?
KD: Ja, sehr. Ich wusste ja auch, wen ich einlade.
BW: Okay. Das heißt, du wagst auch, Dinge aus der Hand zu geben, also das ist das, was ich jetzt gerade gemerkt habe. Du machst was, aber du gibst es dann auch an andere weiter und dann guckst
du, was passiert.
KD: Ja.
BW: Was machst du dann wieder damit? Oder: Passiert noch wieder was mit dir? Gehst du dann wieder in Interaktion?
KD: Nee, ich lasse es meistens so stehen. Diese zwischenmenschliche Interaktion hat eine Schönheit, eine Poesie, die man nicht wiederholen kann, und dieses Erlebnis bleibt im Herzen.
BW: (lacht) Das ist das Schönste, was du jemals zu mir gesagt hast! - Okay, also, was ich daraus höre – O Gott (lacht) – ist, dass es dir ganz doll um den Moment auch geht.
KD: Ja.
BW: In so einer Ausstellung, wenn du in die Öffentlichkeit gehst, geht es dir auch einfach darum, diesen Moment festzuhalten.
KD: Ja.
BW: Was ist dir da wichtig?
KD: Die Poesie. Poesie bedeutet für mich etwas Ungreifbares, das plötzlich vorbeifliegt, was einen enthebt von der Alltäglichkeit, was dem Leben eine neue Dimension oder eine andere Dimension gibt. Einen Sinn dahinter.
BW: Und diese Poesie – also ich selber assoziiere Poesie mit Worten. Du scheinst es anders zu definieren. Kannst du mir sagen, was für dich Poesie bedeutet, also welches Medium braucht es? Oder
gibt es noch etwas wichtiges, was für dich dazu gehört?
KD: Es können alle Medien sein. Die Idee kommt plötzlich, irgendwo, und ist dann da, und ich versuche, das so gut wie möglich umzusetzen. Das heißt zum Beispiel, du kennst doch mein Bild „Worauf warten?“, ich auf dem Fahrrad in der Elbe.
BW: Ja.
KD: Findest du das poetisch?
BW: (lacht) Ja, ich glaube, wenn du jetzt sagst, das ist eine Poesie, die du damit ausdrücken willst, glaube ich zu wissen, was du damit meinst. Also vielleicht nicht das gleiche wie du, wie das ja immer so ist, ja, aber ich sehe darin eine Poesie.
KD: Also das versuche ich jedenfalls in dem Besucher oder in dem, der mein Bild anguckt, zu erzeugen, dass er eine Weite spürt, also deswegen ist es auch eine Weitwinkelaufnahme, es geht ums Ganze, ums Generelle, nicht um den Ausschnitt „Ich auf dem Fahrrad“, sondern auch die Umgebung. Und die soll klar sein, deswegen sind das alles horizontale Linien. Das Ufer hinten, das Ufer vorne, der Fluss und der Himmel. Und ich auch, ich bin zentraler Punkt im Bild, schwarz gekleidet auf einem schwarzen Fahrrad. Das hat eine graphische Qualität, die etwas Abstraktes hat aber auch etwas Verallgemeinerndes. Es soll nicht so individuell sein. Ich bin ein Zeichen für etwas, ein Synonym. In diesem Fall ist der Titel wie gesagt „Warum warten?“. Das heißt, hinter dem Bild steht ein Wunsch, ein Gedanke, Lust, eine Einstellung. Man kann damit vieles assoziieren. Zum Beispiel einen Flüchtling, der, wenn er stehenbliebe oder auf die Ebbe wartete, sterben würde. Das heißt, ich fahre mit dem Rad durch die Flut. Und es kann ein Symbol dafür sein, dass man ackert und ackert, aber nicht weiterkommt, denn jeder weiß, dass du im Wasser nicht radfahren kannst, da kippst du um. Bin ich ja auch tausendmal, hab mich ja sogar verletzt.
BW: Ich wollte gerade sagen, du hast sogar einen Fußnagel verloren, wenn ich mich richtig erinnere.
KD: Willst' den mal sehen? Ach nee, das sieht ja keiner, das ist ja nur Sound. Das sieht immer noch scheiße aus, und ich frag mich gerade: Jetzt wird’s warm, und wie kann ich denn jetzt mit Sandalen
rumlatschen? Ich will meine Fußnägel wieder lackieren können, und das sieht so kacke aus, wenn da schon so'n verwarzter großer Zeh ist, den du nicht lackieren kannst!
BW: (lacht) Also: Leiden für die Kunst! Was bedeutet das für dich?
KD: Es geht nicht anders, das ist so. Es ist immer so. Ich leide am meisten, wenn ich sie nicht mache. Also ich leide lieber mit der Kunst oder für die Kunst, als: Ohne Kunst ist es noch schlimmer.
BW: Also das ist tatsächlich auch das, was mich jahrelang beschäftigt hat, diese – ich nenn' das immer Ventilfunktion der Kunst. Kannst du damit was assoziieren? Ist das für dich auch so wichtig? Also dieses Gefühl von – also das ist jetzt gar nicht bei mir unbedingt, dass ich jetzt sage, ich muss Kunst machen, sonst geh ich ein, sondern mehr so, das mich an den Leuten, die ich, deren Kunst ich mag, der Eindruck, den ich habe, dass die eingehen würden, wenn sie es nicht täten, so fasziniert.
KD: Also es hat ja nicht immer mit Tun zu tun, also plötzlich kommt es hervor, die Idee, und dann hat man natürlich den Druck, das machen zu müssen, sonst geht’s einem schlecht. In dem Moment
stimmt das. Aber ansonsten kann man auch einfach so leben und warten und vielleicht den Blick nicht verlieren, für's Generelle oder das Feine. Wenn man sich keinen Raum dafür gibt, dann ist schlecht, dann geht’s einem schlecht.
BW: Das heißt, gibt es was, wo du dir ganz bewusst sagst: Das mache ich, um mir meine Kreativität, um mir meine Kunst oder das Künstlerische in meinem Leben zu erhalten?
KD: Nee, mach ich nix.
BW: Aber es ist ja da? Oder?
KD: Ja, das war schon immer da.
BW: Also, und das ist nämlich was, was mich jetzt fasziniert, weil ich ja mit ganz vielen Leuten schon gesprochen habe, und für viele ist das gar kein Thema, Ventilfunktion der Kunst. Die sagen, ich ringe da nicht rum, die kommt einfach.
KD: Ich sag ganz bösartig: Das ist für andere, die eben halt durch die Kunst Therapie, dies als Mittel benutzen, damit es ihnen besser geht ... also für alle Kunst zugänglich, aber nicht selbstverständlich.
BW: Also ich jetzt als total plumper Laie, der von Kunsttherapie ja keine Ahnung hat: Wo ist für dich der Unterschied zu Kunst und Kunst in der Therapie?
KD: Naja. Es heißt ja angeblich, Kunsttherapie soll was bezwecken. Was ich bezweifle. Man soll sich nicht einbilden oder anmaßen, dass man wirklich was bewirkt. Das kann passieren, es muss nicht. Ich behaupte auch nicht, dass alles, was produziert wird, da Kunst ist, sondern man gibt dem Klienten einen Freiraum. Kunstbegriff ist eh schwierig definierbar. Kannst 'ne Laus angucken: Ist Kunst. Du weißt das bestimmt am besten, Turner Prize vor ein paar Jahren, England, ich weiß nicht mehr, zwanzigtausend Pfund oder was dotiert, da hat jemand so'n Blu-Tack, du weißt ja, was das ist, ne? Diese Bubbles, die du da an die Wand backst, damit du da ein Photo drauf bappen kannst. Irgendwie noch genau geguckt, wie, wo passt das am besten, da hat er das rangematscht – und den Turner Prize gewonnen! Jaaa! Das heißt: Alles ist Kunst oder nichts ist Kunst, das ist heutzutage undefinierbar!
BW: Wo ziehst du denn für dich die Grenze? Woran nimmst du jetzt wahr, das ist jetzt Kunst?
KD: Na ich maße mir nicht an, dass ich es alles weiß oder beurteilen kann, also andere, die haben – eben andere Blickwinkel, und für die ist das dann Kunst und für mich nicht, also das ist halt eine Frage der subjektiven Wahrnehmung.
BW: Die du dir aber dann auch rausnimmst, so. Also, kannst du die anderen stehenlassen, wenn die sagen: Das ist Kunst! Und du sagst, das ist keine Kunst?
KD: Genau. Also für mich ist das dann irgendwie...
BW: Für dich ist das dann eben keine, und dann ist es eben so.
KD: Ja. Oder es ist Scheiße statt Kunst, ja. Oder es ist Scheiß-Kunst. Ich hab soviel Scheiß-Kunst gesehen, das glaubst du gar nicht. Gerade in Berlin, ey Alter, man selber macht, denkt „einigermaßen okay“, und so, und dann siehst du dann, gehst du dann los und willst so irgendwie was erleben, und was ist so los in der Szene, so ey, ooooh, hab ich abgekotzt. Lieber in 'ne Kneipe.
BW: Okay, gut, das heißt, was braucht für dich Kunst? Kannst du das irgendwie greifen? Also jetzt nicht dieses: Wo fängt Kunst an und wo hört Kunst auf, sondern: Um für dich gute Kunst zu sein, was braucht es?
KD: Magie.
BW: Also Poesie, Magie, das ist so das, also wirklich, da bin ich wieder beim Moment, ne?
KD: Ja, beim Aha-Moment! Es muss einen, ja, mir fällt das Wort nicht ein, animieren, überzeugen, es muss einen packen, ja, mitnehmen.
BW: Und was mit einem machen.
KD: Ja. Genau, machen, ja.
BW: Wenn du jetzt auf deine lange lange lange lange Erfahrung zurück guckst. Was ist das allerwichtigste Werk, das du jemals für dich geschaffen hast?
KD: Das Feuersteinauge. Ich hab einen kleinen Steinbildhauerkurs mitgemacht, kein Riesenlehrgang, um das Material kennenzulernen und die Art und Weise, wie man damit umgeht. Natürlich gibt es tausend verschiedene Steinsorten, ich hab das einfachste genommen, Sandstein, es ist schön, kriegst du auch irgendwann mal ein Ergebnis. Nicht so frustrierend wie Marmor, ne, und auch nicht so ungesund. Weil das nicht so'n Feinstaub gibt.
BW: Ich wollte gerade sagen: im Sinne von COPD und so.
KD: Ja ja, du musst dann immer Maske tragen, das ist dann auch irgendwann nicht mehr so romantisch. Und es war herrlich. Ich hab diesen Klotz gehabt und vorher schon die Idee, dass ich das mache, das ist mir einfach gekommen, weil ich mit Kain Karawahn, einem sehr wichtigen Partner über Jahre, also ich hab mehr für ihn gearbeitet als er für mich, Feuerkünstler. Und ich saß irgendwie bei ihm in der Gartenlaube am See und ich hatte die Idee: Ich mach da in meinem Kurs in Italien ein Feuersteinauge aus Sandstein. Ich hatte genau die Maße im Kopf, genau die Idee, hab die Zeichnung gemacht, ja, und bin dann mit ein paar Kollegen nach Italien gegurkt, und da sagte der Leiter der Gruppe, der Lehrer: Ja, was wollt ihr denn machen? Und probiert doch erst mal rum! Und ich hatte halt ein volles Konzept. Was bei Bildhauerei auch gut ist. Du musst vorher wissen, was du willst, denn weg ist weg, da kannst du zumindest bei Holz und bei Stein nicht so richtig gut ranbacken. Bei Stein schon gar nicht, außer ... naja, egal, außer du pfuscht mit Zement rum. Das wollte ich aber nicht. Ja, und dann hab ich mich durchgesetzt, und dann habe ich gesagt, ich will das machen. Und wenn ich das nicht machen darf, dann mach ich nix. Ja, dann mach ich hier in Italien Urlaub, ist auch schön. Durfte ich natürlich machen, meinen Kram, und bin denn also wieder zurückgefahren nach Berlin mit dem Zug und so, und hab das organisiert, dass der Feuerstein, das Feuersteinauge, also Augenform, Loch in der Mitte, ich sag jetzt mal wie viel Kilo, keine Ahnung, also es müssen zwei tragen, allein geht das nicht, keine Ahnung, sechzig, achtzig Kilo...
BW: Also sehr groß. Was?
KD: Sechzig, achtzig Kilo, hundert Kilo.
BW: Was?
KD: Achtzig Kilo. Sechzig Kilo dann eben! Also schon schwer, also guck mal, ja, so! Das witzige war, ich hab das echt aus Berlin organisiert, dass die mir das Teil irgendwie mal 'rüber organisieren. Wurde also von Kollegen dann von Italien nach München transportiert, das Ding, und dann auf einer Insel, weil die weiterfahren wollten auf der Autobahn, also auf einer Insel an einem Kreisel abgelegt, und dann hat das ein Kumpel aus München wieder eingeladen in einen niegelnagelneuen BMW, weil der da arbeitet als Designer und mir nach Berlin gebracht. Geil, ne? Ja, die sind alle gar nicht so, wie man denkt. Ja, das war toll.
BW: Hast du es auch irgendwo ausgestellt?
KD: Nee, ich hab das photographiert und ich hatte irgendwie so'ne Möglichkeit, Postkarten machen zu lassen, und dann hab ich davon Postkarten machen lassen. Hab ich das mal ausgestellt? Hab ich vergessen. Doch, in Italien hatten wir eine Endausstellung, ja, das war ganz schön, so eine Galerie. Und ansonsten, wo habe ich das ausgestellt? Ja doch, ich hatte immer so 48 Stunden Neukölln Gruppenausstellungen, da habe ich so meine ganzen aktuellen Skulpturen immer ausgestellt, das stimmt. Da habe ich das auch angezündet, also wie gesagt, Feuersteinauge...
(Unterbrechung durch einen sehr alten Herrn, der einen Kaktus braucht, da wir uns an einem geschlossenen Gemüsestand auf dem Großneumarkt befinden)
KD: .... Passt doch zu unserem Interview. Künstler bestimmt, Samstagabend 'n Kaktus kaufen am Marktstand... Ich bin noch nicht fertig.
BW: Wir waren noch bei deinem Auge.
KD: 48 Stunden Neukölln, genau, inspiriert ist das eben ... ich hab das also mit Feuerpaste gefüllt das Auge, musst dir also vorstellen: Pupille ist so'ne Art Loch, nicht ganz runter im Stein, sondern so'ne Mulde, so halb runter im Stein, und das Auge liegt da so und dann tust du da Feuerpaste rein und zündest die an und dann sieht das da sehr schön aus. Und jetzt liegt es bei mir auf der Terrasse.
BW: Das wäre meine nächste Frage gewesen: Gibt es das noch? Alles klar, super!
KD: Können wir ja nächstes Mal anzünden im Sommer dann auf der Terrasse.
BW: Gerne, das gucke ich mir gerne an.
KD: Und dann kaufe ich dir ein schön dunkles Duckstein oder schönes Irish Ale und dann kriegen wir ein schön kühles Bierchen und Bratwurst, du bist doch kein Vegetarier, oder?
BW: (lacht) Nicht wirklich, nee. War ich lange, aber nicht mehr. Also, was ich jetzt nochmal zusammenfassen muss: Du hast mir jetzt schon von Stein erzählt und dass du einen Bildhauerkurs quasi gemacht hast. Du hast von dieser Schweißarbeit mit deiner langen Metallleiter erzählt....
KD: Dafür habe ich auch einen Kurs gemacht.
BW: Ich habe deinen Tisch gesehen....
KD: Ich habe Malerei und Zeichnung studiert. Zeichnen, ja, und dann bin ich in der Multimediaklasse gelandet, also ich habe auch Filme gemacht.
BW: Du hast ja mal gesagt, man kann deine Kunst gar nicht zusammenfassen...
KD: Nee, ich tob mich aus!
BW: ...worauf ich ja gesagt habe: Sieh dich als Universalgenie (lacht)!
KD: Ja und wie, sowieso!
BW: Ist das schwer, das in Worte zu fassen oder überhaupt auf eine Liste zu prügeln, was du alles schon angefasst hast, wahrscheinlich, ne? Und wie wichtig ist dir das Material? Also was mir noch als Frage kommt: Gehst du von der Idee aus, ist es das, was du ausdrücken willst, oder gehst du von dem Material aus? Wovon gehst du aus, wenn du ein neues Werk angehst?
KD: Ja, man hat Phasen. Ich hab, wie gesagt, also richtig gründlich Malerei und Zeichnung studiert. Und irgendwann war ich es leid, also ich hab auch für heutige Verhältnisse lang studiert, sechs Jahre. Das bedeutet, zuerst Zeichnen und dann Malerei, und zwar richtig von Grund auf zeichnen. Mit Proportionen und hier und da, und dann mit Malerei, mit richtig selber Pigmenten herstellen und Ölmalerei mit Schichten und mit selber den Binder herstellen und den Firnis herstellen, also das dann. Also richtig ganz klassische Malerei, Aufbau im Bild, ja, das war schön und spannend und ich wollte auch die Technik lernen, also es ging mir nicht darum, mein Leben lang das zu machen als Werk. So bin ich wohl, ich hab immer Lust zu erforschen.
BW: Also du brauchst auch immer das neue Medium?
KD: Ja. Ich hab einfach Lust und tob' mich aus und wusste deshalb auch, dass ich mich jetzt nicht als als Product verkaufen kann. Also ich wollte ja immer frei sein, deswegen hab ich ja erst mal auch diesen Lehrer-Bildungsweg eingeschlagen.
BW: Also auch frei sein im Sinne von: Nicht von der Kunst leben müssen?
KD: Genau.
BW: Und die Freiheit zu haben, nicht unter Druck zu sein.
KD: Das zu machen was man will. Dass man nicht einen Stil haben muss, sozusagen ein Label, unter dem das assoziiert wird, unter diesem Künstlernamen. Aber soweit kam es ja bei mir auch gar nicht.
Bisher! Ha! Na warte!
BW: (lacht) Gute Einstellung! Wo du gerade „Stil“ sagst: Hast du irgendwelche bestimmten Vorbilder?
KD: Ich hab viele, ja. Ja. Also ich liebe Gerhard Richter und Yves Klein. Die Ausstellung von Sarah Moon hat mich beeindruckt. Die kannte ich vorher nicht.
BW: Ich mochte den ersten Raum am liebsten.
KD: Ja, Wahnsinn! Ja. Es gab ja auch irgend so eine Filmserie über sie. 3001 vielleicht. Naja, hab ich verpasst. War nur ein Abend. Dann Louise Bourgeois, find ich geil.
BW: Die ja auch total viele Medien nutzt.
KD: Ja, toll! Ja, es gibt einige Künstler, auch unbekannte, auch Freunde, die ich bewundere. Werner Keller, unbekannt, super. Wie gesagt Kain Karawahn, super. Es gibt sehr viele. Eigene Freundin, Lipsi von Stackelberg ist allerdings gestorben gerade.
BW: Hast du nicht erzählt, dass du die Photoausstellung für sie planst? Was ich daran höre, ist auch, dass du einfach das auch hochhalten möchtest, ihre Kunst quasi auch mal an andere weitergeben.
KD: Ja, ihren Lebenstraum sozusagen, den sie nicht erfüllen konnte, vielleicht trotzdem posthum irgendwie nochmal einmal als Gedenken, ein Zeichen setzen. Meine Art von Trauerarbeit. Ob sie es
mitkriegt, weiß ich ja nicht.
BW: Das bringt mich jetzt assoziativ nochmal zurück zu deiner Photographie. Es ist ja eher das Konzept, was da zählt...
KD: Genau.
BW: ...weil du ja das Photo gar nicht selber machst. Du bist ja auf den Photos drauf. Also alle Photos, die ich bislang gesehen habe, da gibt’s sicherlich noch mehr, aber die, die du mir gezeigt hast, sind ja eigentlich Photos, die Hendrik gemacht hat.
KD: Oder Selfies.
BW: Oder Selfies, aber wo du drauf bist. Das ist ja nochmal eine ganz spezielle Art von Photographie.
KD: Das stimmt.
BW: Das heißt, die Idee – was ich so höre ist ganz oft eine Idee, und andere setzen das dann um. Also, das ist ja auch eine Art Freiheit.
KD: Wenn du so willst. Aber es ist nicht so oft. Also meistens bin ich autark. Und lasse mir helfen. Also auch in diesem Fall war das so, dass ich den Hendrik brauchte als Helfer, also der hat jetzt nicht – ich hab das ganz stark dirigiert, wie ichs haben will.
BW: Jaja, das hat man auch gemerkt.
KD: Das musste er, er hat einfach nur das gemacht, was ich haben wollte.
BW: Und dann kannst du's auch abgeben.
KD: Natürlich. Und dann spielt der Zufall eine Rolle, aber ich versuche das zu minimieren.

 

Kirsten Dressler dirigierte auch mich, ein inszeniertes Photo von ihr zu machen.


BW: Ich habe soweit eigentlich alles gefragt, was ich fragen wollte. Du hast ja aber jetzt noch so'n bisschen schon gehört, warum ich das überhaupt mache. Mir geht es ja auch um die künstlerische Haltung. Das ist das, wo ich meinte, ich musste gestern bei Daniela das erste Mal richtig arbeiten, weil es das erste Mal für mich jemand war, der wirklich auch kunsttheoretisch, und Kunst eben als Kunsttherapeutin ... da nochmal einen anderen Blick drauf hat, und sie konnte sehr detailliert über ihre Haltung was sagen. Könntest du mir was über deine künstlerische Haltung sagen? Könntest du mir die jetzt schon definieren?
KD: (seufzt) Per definitionem muss man es ja jetzt aus dem Stand auf den Punkt bringen. Das schaffe ich vielleicht so schnell jetzt nicht. Aber natürlich habe ich 'ne Philosophie und eine Ethik. Also ich zum Beispiel bin Freund, Freundin der Ästhetik und hab teilweise Schwierigkeiten, wenn eben Kunst benutzt wird, missbraucht wird von Politik, Werbung. Das sollte abgegrenzt sein. Und das kann ich nur hoffen, dass die Konsumenten das selber hinkriegen. Denn heutzutage gibt es da einfach Überschneidungen ohne Ende und Kunst kann alles sein oder nichts, ist total frei. Ja, das ist mein individueller Standpunkt.
BW: Sehe ich das richtig, dass dir im Grunde die Botschaft, die Kunst vermittelt, gleichwertig wichtig ist wie das Kunstwerk selbst? Und dass es deswegen nicht in Werbung und Politik quasi verwurstet werden soll? Oder was ist genau der Punkt, wo es dich rüttelt? Wo du sagst, das will ich nicht?
KD: Ach, es geht ja oft beim Machen um eine Idee, einen Aha-Moment zu visualisieren. Ich bin schlecht darin, das zu verkaufen. Ich freu mich, wenn man, wenn jemand inspiriert ist oder von mir aus beeindruckt oder zumindest interessiert. Wenn da eine Kommunikation stattfindet, bin ich schon zufrieden. Wär' natürlich toll, wenn das noch ein bisschen mehr blüht und ich noch ein bisschen mehr Zeit dafür hätte, und stimmt: Eine größere Anerkennung, Anerkennung von einem größeren Publikum bekäme. Das wollen die meisten Künstler. Aber ich, ich schaff das nicht, dem jetzt ausschließlich auf Druck hinterher zu rennen. Das ist nicht mein Typ. Das ist so.
BW: Das ist auch eine künstlerische Haltung, finde ich. Sich da nicht verkaufen zu lassen, oder?
KD: Ja, aber es ist auch eine Disposition, von mir aus Unterbewusstsein, Genetik! Ja man kann auch nicht immer raus aus seiner Haut. Also ich bin nicht immer glücklich damit, das kann ich nicht sagen. Manchmal ärgere ich mich: Mensch geh doch mal ran! Oder bin: Sei konsequent und bleib dran am Thema! Aber nein, ich bin der Träumer und tanze weiter.
BW: Ich weiß gar nicht, ob du das mitbekommen hast, unser Studiengang ist umbenannt worden.
KD: Huch? Nee.
BW: Wir heißen jetzt nicht mehr „Innovative Veränderungsprozesse – Coaching und Systementwicklung“, wir heißen jetzt tatsächlich „Kunstanaloges Coaching“.
KD: Ach das wusste ich nicht. Ich freu mich, toll!
BW: Und ich weiß nicht, ob ihr dieses Kunstanaloge bei euch auch habt. Aber kunstanalog heißt ja in dem Moment, wenn ich als Coach auf meinen Klienten treffe, dass ich im Grunde das Coaching an sich auch wie Kunst behandele. Dass ich wie eine Künstlerin den Coachingprozess leite. Macht ihr das so auch mit euren Patienten?
KD: Das hat Peter Sinapius gesagt, man braucht letztendlich kein Rezept, man braucht Intuition. Und das richtige, den richtigen Weg zu finden, auf einen Klienten einzugehen, so dass sich bei dem
Räume, Freiräume eröffnen für neue Ideen, dass er zurück findet, direkten Zugang zu seinen eigenen Instinkten, eigenen Wurzeln, eigenen Ideen, die oft ja im Nebel sind oder ganz weg sind.
BW: Und was würdest du mir raten? Wenn ich jetzt wirklich als, als Künstlerin ins Coaching gehe, was müsste ich da mitbringen? Hast du da noch einen Hinweis? Du hast jetzt gerade erzählt, was für den Klienten dabei rausspringt, quasi was wir erreichen wollen. Was muss ich mitbringen?
KD: Ach, man muss sich sehr gut kennen und darauf vertrauen, was man im Gepäck hat. Das muss man benutzen und das muss einem bewusst sein, was man da eigentlich so hat, anzubieten hat. An
Qualitäten, an Wissen, und da gibt es natürlich unendliche Fortbildungsmöglichkeiten, aber da muss ich mal sagen, ist es wichtig, dass man zwar einerseits schon das realisiert, worauf man Lust hat, aber dass man da auch konsequent und strikt ist, dass man sozusagen ein Konzept hat, sich auf eine Linie, auf ein Profil sich konzentriert. Also das ist als Kunsttherapeut viel wichtiger noch, als als Künstler, weil man da ja wirklich als Professioneller an die Außenwelt tritt. Als Künstler kannst du dich zurückziehen, ist egal, solange du von was anderem lebst. Da kann das völlig frei sein. Als Kunsttherapeut, würde ich sagen, kannst du dir nicht alles leisten, da muss es, ja, eine Stabilität zeigen und, ja, mir fällt jetzt das Wort Kongruenz ein, warum, weiß ich gar nicht.
BW: Gutes Wort, mag ich, ja. Da kommt sofort alles, was mit Rogers irgendwie zu tun hat, das assoziiere ich damit, mit Echtheit und Authentizität und...
KD: So, das meine ich!
BW: ...sich einschwingen und Empathie und so, das gehört für mich alles....
KD: Das hat man, diese Qualitäten hat man eh in sich. Und dessen muss man sich nur bewusst sein als Therapeut und damit selbstbewusst umgehen. Wie Beuys schon sagt: Jeder Mensch ist ein Künstler. Und man hat immer ein Gepäck mit dabei. Immer. Jeder.
BW: Kannst du überhaupt sagen: Was macht einen Künstler aus? Gibt es eine Definition? Irgendwas Universelles, was alle Künstler mitbringen?
KD: Kreativität. Distanz. Also so eine innere Freiheit, sich nicht verleiten zu lassen. Ja, Unabhängigkeit. Oh Gott, das soll ich jetzt in einem Satz zusammenfassen?
BW: Wenn du das kannst! (lacht) Den meisten sage ich immer: Hast du einen kleinen Hinweis für mich, was das bedeuten könnte?
KD: autark.
BW: Oh!
KD: Punkt. (lacht) Kleingeschrieben!
BW: Du guckst mich so an, als sollten wir uns jetzt unser Bier holen, ne?
KD: Ja. Ich kann auch sagen: anarchist!
BW: Gut, okay?
KD: Auch kleingeschrieben!
BW: Auch kleingeschrieben?
KD: Herman de Vries, da könnten wir vielleicht auch mal zusammen hingehen. Du kommst zu mir, wir grillen, und dann gehen wir zu Herman de Vries, ich guck mal, wann die Ausstellung fertig ist, das wäre was für dich: Wir beide im Park, schöne Ausstellung, Herman de Vries, kennst du den?
BW: (lacht) Nee.
KD: Land Art. Die Plakate sind überall. Das wirst du sehen, die sind überall. Sehr schön.
BW: Du hast ein Date.
KD: Sehr gut für Kunsttherapeuten – Coaching.
BW: Und Coaching, ja, der Brei. Gibt es noch irgendeine Frage, wo du schon die ganze Zeit denkst: Britta, warum hat die mich das nicht gefragt? Irgendwas Abschließendes, wo du meinst, das muss
noch unbedingt gesagt werden, bevor ich jetzt auf Aus drücke?
KD: Worauf willst du hinaus?
BW: Ob ich jetzt ausmachen kann oder ob du sagst...
KD: Nein!
BW: Ich will auf gar nichts hinaus...
KD: Mit deiner Arbeit! (lacht)
BW: Achso! Mit meiner Arbeit! (lacht) Mir geht’s darum, aus den künstlerischen Prozessen und aus der künstlerischen Haltung, die ich von den Leuten, mit denen ich mich jetzt unterhalte, erfahre, für
mich abzuleiten: Was könnte denn überhaupt eine kunstanaloge Haltung im Coaching überhaupt für mich in meinem Ansatz bedeuten? Das ist das, worauf ich im Grunde hinaus will. Ich sammel' Schätze!
KD: Okay, also dann habe ich noch ein paar Fragen! Interessierst du dich also, die Kunst der Künstler, die du interviewst zu sehen?
BW: Ja! Auf jeden Fall!
KD: Blöde Frage
BW: (lacht)
KD: Nächste Frage. Eine bescheuerte Frage war das. Also echt Kirsten, naja. Wie willst du dich - wenn du so eine Frage stellst: Was sollst du im Gepäck haben: Hast du jetzt Lust, dich überall umzutun und fortzubilden und vielleicht so Kunsttechniken dir noch anzueignen?
BW: Absolut! Ich les sogar ... also wenn mir jemand sagt, mein Vorbild ist der und der, dann google ich das auch und hol mir da Informationen drüber. Ganz klar, ja, also ich geh im Grunde jedem Pfad
nach, der mir aufgetan wird.
KD: Das heißt, das Häusle, das ihr da im Garten umbaut, oder da neu macht – da ist dann eben auch Platz für ein Atelier, wie gesagt, richtig?
BW: Ja.
KD: Also nicht nur als Therapieatelier, sondern irgendwo ein Räumchen für dich?
BW: Auch ein Räumchen für mich.
BW: Nur deine Kunst, nur dein Kram? Privat, wo dann auch die Klienten vielleicht mal nicht reindürfen, und Schlüssel und Tür und so?
BW: Ja! Wird auf jeden Fall passieren.
KD: Mit Tageslicht, ne? Ihr habt ja viel Licht dort.
BW: Mit Tageslicht. Ja ja ja ja. Momentan bewohnt ja Riewert noch mein Atelier (lacht).
KD: Also ich, ich sag nur: Kauf dir 'ne Kettensäge! Und wenn Holz geschnitten wird, kannst du dir das aus dem Wald klauen, und dann kannst du halt so laut sein, echt! Scheiß auf die Nachbarn, die sind das gewohnt. Lärm ist heutzutage satt, das ist normal. Und dann hau rein, Alte, mit 'nem Bier an der Seite, nicht zuviel Bier!
BW: (lacht) Cool! Also du gibst mir den Ratschlag: Lass die Kunst weiter in dein Leben!
KD: Ja! Also Kettensäge fällt mir bei dir schon ein (lacht).
BW: Ja, würde mir auch. Wenn ich mein Grundstück so betrachte, ja cool.
KD: Ja, müssen wir bei dir mal ein Feuerchen auch denn machen aus den Resten, ich lad' mich hiermit selber ein.
BW: Mach das! Also das Feuerholz liegt schon. Der abgerissene Dachboden wartet darauf, verbrannt zu werden.
KD: Ja geil!
BW: Wollten wir eigentlich zu Ostern machen, haben wir nicht hingekriegt.
KD: Macht nichts. Dann ladet ihr mich ein, bitte, ne?
BW: Wunderbar. Dann mache ich jetzt aber auch wirklich aus.
KD: Ja, mach aus!
BW: Super!
KD: Tschühüß!

02.04.2016

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