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Wenn es eine Sache gibt, die ich in meinen Kita-Seminaren als "Renner" bezeichnen könnte, dann ist es meine Mundmotorikgeschichte. Ich führe sie meistens vor, wenn es um das Thema Sprachförderung (aber auch um Stimmprävention) geht. Wie mir zurückgemeldet wird, ist sie ist zum beliebten Spiel im Morgenkreis geworden.

Mundmotorische Übungen sind inzwischen selbst unter Logopäden umstritten. Ihre Wirksamkeit ist offenbar noch nicht in wissenschaftlichen Studien nachgewiesen worden. Bei den meisten Ausspracheauffällgkeiten handelt es sich um phonologische Hörwahrnehmungsprobleme, sodass die Kinder von differenzierenden Lautwahrnehmungsübungen profitieren. In meinem Blog "Faszination Aussprache" habe ich ausführlich darüber geschrieben.

Mundmotorische Übungen werden also eher bei Kindern mit phonetischen Störungen eingesetzt, also den klassischen Artikulationsstörungen, bei denen die Zunge etwas anderes macht, als sie soll. Lispeln zum Beispiel. Es hilft auch bei bei Störungen des orofacialen Gleichgewichtes, also der Gesichtsmuskulatur, weil hier gleichzeitig die Förderung der sensorischen Wahrnehmung, die Förderung der Koordination im Mundraum sowie die Förderung der Muskelfunktionen von Lippen, Zunge, Wangen- und Kaumuskulatur und dem Gaumensegel angesprochen werden.

Ich halte es so damit: Zungenspiele machen Spaß, also biete ich sie an und verschenke sie an meine Patientenkinder als Spiele im Hausaufgabenordner. Nebenbei benutze ich sie, um mir einmal die Situation beim einzelnen Kind entspannt anzugucken. Für mich gehört das Erzählen dieser Geschichte also zu meiner persönlichen Diagnostikroutine.

Laut Wolfgang Wendlandts Klassiker "Sprachstörungen im Kindesalter" sollte ein Kind bereits am Ende des ersten Lebensjahres in der Lage sein, den Mund überwiegend geschlossen zu halten, seinen Speichel hinunterzuschlucken und den Löffel mit Zunge und Lippen abzulecken. Die Realität sieht sehr oft anders aus.

Und es handelt sich hier durchaus nicht um eine Luxusangebot. Dies kann ich verdeutlichen, indem ich mir angucke, was denn eigentlich eine der Folgeauswirkungen einer nicht gut ausgereiften Mundmotorik ist: Die Mundatmung. Struck und Mols beschreiben in "Atem-Spiele", was passieren kann, wenn ein Kind nicht lernt, durch die Nase zu atmen.

Da es zu Haltungsschäden durch die vernachlässigte oder behinderte Übung der Atemmuskulatur kommt, kann es zu Fehlformen der Wirbelsäule führen. Das habe ich in meiner Praxis schon gesehen. Der Lymphfluss wird durch mangelnde Nasenbenutzung und pathologisches Schluckmuster nicht genügend angeregt, deswegen kommt es zu Lymphstau im Gesichtsbereich - was dann dazu führt, dass die Kinder durch ihre eingeschränkte Mimik etwas verlangsamt wirken und automatisch in die falschen Schubladen gesteckt werden. Bedingt durch mangelnde Belüftung der Verbindung zum Mittelohr sammelt sich Schleim im Mittelohr, was wiederum die Hörfähigkeit einschränkt - und das ist bekanntlich der Killer jeglicher Sprachentwicklung und das erste, das bei jedem auffälligen Kind ausgeschlossen werden muss. Unsere Atmung hat noch dazu die ganz wichtige Funktion, die Organtätigkeit anzuregen, und so kann es durch die verminderte Zwerchfelltätigkeit zu Darmträgheit und einem Blähbauch kommen, wenn diese massierende Wirkung auf Magen und Darm entfällt. Ein weiterer Faktor kann sein, dass zu wenig Kauarbeit geleistet wird und die Nahrung nicht genügend zerkleinert wird. Es geht noch weiter. Flache Atemweise führt zu Luftnot beim Sprechen und Singen, sodass stimmliche Fehlfunktionen entstehen und Stimmprobleme auftreten können. Dabei entsteht eine mangelnde Sauerstoffversorgung des Organismus, was Konzentrationsstörungen auslöst.

Schon überzeugt?

Es gibt schon ganz einfache Pusteübungen und Saugübungen. Die Arbeit mit Kindern darf sich für die Kinder nie wie Arbeit anfühlen. Ich verpacke also das meiste in Spiele - und kann nach über zwei Jahrzehnten inzwischen jedes Spiel irgendwie sinnvoll zum Erreichen eines Therapieziels umfunktionieren. Dabei bin ich ein großer Fan davon, bereits bestehendes Material zu verwenden.

So ist mein Blog über die von mir zusammengetragenen Einsatzmöglichkeiten des Kinder Memory zur Förderung der Vorläuferfähigkeiten des Lese-Rechtschreiberwerbs mein bislang erfolgreichster Artikel gewesen.

Zur Förderung der mundmotorischen Fähigkeiten ist eine ganz beliebte Methode das Ansaugen von Gegenständen mit dem Strohhalm. Es dient nicht weniger als der Tonisierung und Kräftigung der Wangen-, Lippen- und Zungenmuskulatur, der Stärkung des Gaumensegels und der Aktivierung des Zwerchfells. Das empfohlene Mindestalter liegt hier bei vier Jahren.

Auch gilt es, dabei ein paar klitzekleine Regeln einzuhalten. Thoenes beschreibt in "Mundmotorik-Training rund ums Jahr", wie wichtig es zum Beispiel ist, dass der Strohhalm sich in der Mitte der Lippen befindet, dass der Strohhalm mit den Lippen und nicht den Zähnen gehalten wird, dass das Kind eine lockere Lippenspannung aufweist, dass auf eine ökonomische Atmung geachtet wird, um Hyperventilation zu vermeiden, dass eine möglichst aufrechte Körperhaltung eingehalten wird, um die Atmung nicht zu beeinträchtigen.

Noch Fragen?

Wenn nicht: Schnappt euch euer Quips oder Colorama oder andere Spiele, die mit dem Einsetzen von Formen zu tun haben - und saugt sie, anstatt die Hände zu nehmen, einfach mal mit dem Strohhalm an. Viel Spaß!

Aber ich hatte versprochen, mich zu trauen, meine Mausgeschichte vorzumachen. Ich bin stolz, offenbar nur einen Punkt vergessen zu haben - das ist live. Findet ihr die fehlende Übung? Hier ist sie nun:

Die Geschichte von der Maus

Es ist morgens, 7 Uhr. Unsere Maus hat verschlafen. Hier schläft sie:
(Zunge liegt auf dem Schlafplatz am Gaumen hinter dem Zahndamm)

Plötzlich wacht sie auf. Sie läuft zum Fenster und gähnt erst einmal
(Offener Mund)

und schaut rechts und links heraus.
(Zunge rechts/links aus dem Mund)

Doch weil sie nicht genug sehen kann, steigt sie auf das Balkongeländer und läuft dort hin und her,
(Zunge leckt Unterlippe ab)

um zu sehen, was draußen passiert. Weil das Wetter so schön ist, flitzt sie vor lauter Freude noch einmal um den Fensterrahmen herum - Und noch einmal anderen Weg herum!

(Oberlippe in beide Richtungen ablecken)

Da bekommt die Maus Lust, einen Spaziergang zu machen. Sie läuft ganz schnell aus dem Haus.

(Zunge gerade herausstrecken)

Doch kaum ist sie draußen, fällt ihr auf, dass sie ihre Sonnenbrille vergessen hat. Sie fährt mit dem Fahrstuhl wieder hoch, aber der spinnt.
(Lifteln: Zunge im Mund jeweils hinter den Schneidezähnen rauf und runter)

Endlich ist sie im zweiten Stock, Sonnenbrille holen.

(Zunge zur Nase)

Dann holt sie sich noch aus dem Keller etwas zu trinken.

(Zunge ans Kinn)

Sie wirft die Tür zu und - oh nein! Jetzt hat sie sich die Pfote eingeklemmt!
(vorsichtig auf die Zunge „beißen“)

Tat aber nicht weh! Die Maus kommt auf ihrem Spaziergang zuerst zum Spielplatz. Dort steigt sie auf die Wippe

(Zunge raus, rauf und runter)

und fährt Karussell.

(Lippen mit der Zunge umfahren)

Und weil es so schön war, nochmal anderen Weg herum!
(Lippen mit der Zunge anders herum umfahren)

Dann macht sie noch vor lauter Freude einen Handstand.
(Zunge an den Gaumen hinter den Zahndamm)

Die Maus geht weiter und trifft unterwegs eine andere Maus. Die beiden lächeln sich an.

(Lippen breitziehen)

„Hallo, willst du nicht mit mir spazieren gehen?“ Doch die andere Maus hat ein Gipsbein und kann nicht gut gehen. Sie humpelt nur. (Schnalzen)

Die beiden winken sich zum Abschied nochmal zu.
(Zunge rausstrecken und schnell hin und her bewegen)

So geht unsere kleine Maus allein weiter. Sie klettert auf einen Berg
(Zunge an die Nase)

und taucht im Bach nach Fischen.

(Zunge ans Kinn)

Dort plappert sie ein wenig mit ihrem Kumpel, dem Karpfen
(Fischmaul auf und zu)

und ihrer Freundin, der Ente.
(Wangen einziehen, vorgestülpte Lippen auf und zu)

Als sie wieder rausklettert, wartet da schon eine Katze und faucht sie an.

(Fauchen)

Unsere Maus pfeift vor lauter Angst.

(Pfeifen)

Dann fasst sie allen Mut zusammen

(Bäh! - Zunge raus

und beschließt, sich zu retten, und zwar so:

(Lippenflattern)

Danach will sie nur noch nach Hause und macht sich wieder auf den Heimweg. Unterwegs muss sie noch durch einen Tunnel.
(Lippen nach vorn stülpen)

Achtung, da kommt ein Zug!

(SCH SCH SCH)

Zu Hause angekommen, hat sie dann großen Hunger und isst sich ganz rund und dick.
(Achtung schwer: Zungenspitze abwechselnd breit und spitz machen)

Ein Nachtisch passt auch noch rein.

(Wangen aufblasen)

Jetzt erst einmal Zähne putzen.
(Mit der Zunge rundherum die Zähne ablecken, Richtungswechsel)

Danach sucht sie sich ein schönes Schlafplätzchen
(Zunge in rechte und linke Wangentasche)

und deckt sich gemütlich zu.
(Lippen einziehen über die Zähne - „Opamund“

Sie erinnert sich daran, wie aufregend ihr Tag war und bricht in ein Freudengeheul aus.
(Zunge bewegt sich zwischen den Lippen auf und ab, „bdlbdlbdl“)

Dann legt sich wieder hin zum Schlafen. Gute Nacht, Maus!

(Zunge liegt oben am Schlafplatz hinter dem Zahndamm)

Zum ersten mal ist mir die Geschichte bei Urike Franke in "Artikulationstherapie bei Vorschulkindern" begegnet. Und da ich sehr vielen kreativen pädagogischen Fachkräften und phantasievollen Kindern begegne, wächst die Geschichte eigentlich immer noch weiter. Ich danke!

Wer mir also noch gern eine Erweiterung schenken möchte, oder die Geschichte für den Einsatz mit eigenen Kindern als pdf-Datei erhalten möchte (denn ihr sollt natürlich nicht mein Video zeigen, sondern es selbst machen!!!), kann das über mein nagelneues Kontaktformular gern an mich herantragen.

Viel Spaß beim Nachmachen!

Dem Körper eine Stimme geben
Dem Körper eine Stimme geben

 

Es gab eine Zeit, da habe ich überhaupt nicht gut auf mich aufgepasst. Also eigentlich gar nicht.

Husch husch habe ich viele vermeintlich unwichtige, mich von meinen eigentlichen Vorhaben abhaltende Dinge zwischen Tür und Angel erledigt - immer schon im Geiste beim nächsten abzuarbeitenden Punkt. Ich selbst war egal. Ich spürte mich wenig.

Sehr bezeichnend war die Aktion, in der ich kurz in Puschen rausging, um den Kanaldeckel zu halten, unter dem unser Öltank versteckt ist. Kurz mal helfen, den Pegelstand zu messen.

Glitsch, machte der schwere unhandliche gusseiserne Kanaldeckel auf dem Laub – und zermalmte auf seiner Flugbahn fast die Hände meines Mannes. Bevor er gezielt auf meinem linken Fuß aufsetzte.

Mein Mann war so sauer auf mich wegen seines Beinahe-Unfalles, dass ich stoisch das Ding aufnahm und ihn mit plötzlich deutlich geschärfter Konzentration so lange wirklich gut festhielt, bis er den Messstab wieder plaziert hatte. Während ihm der Messstab mehrfach aus den Händen glitt, wartete ich geduldig auf das Ende des Messvorgangs und spürte das Blut in meinen sich spontan verdreifachenden Fuß schießen. Danach erst humpelte ich nach drinnen und suchte mir was zum Kühlen.

Ich komme aus einer Familie, in der halb abgetrennte Daumen mit einem Pflaster behandelt werden. Natürlich ging ich am nächsten Tag zur Arbeit. Ich hatte ja nichts Ansteckendes. Ich tauschte schlicht für eine Woche meinen Schaltwagen gegen den Automatik von meinem Mann. Die Reitschuhe meines Sohnes waren drei Nummern größer als meine Schuhe und nahmen meinen Fuß gekonnt für einige Wochen auf.

Ich ging eine Woche später sogar zu meinem Hausarzt. Als er sich das regenbogenfarbige Etwas, das mal mein Fuß gewesen war, anschaute, zeigte er sich mit mir einig, dass er sich für einen Körperteil, dem etwas Entsprechendes widerfahren ist, erwartungsgemäß verhielt.

Erst nach einem halben Jahr wurde ich wirklich nervös, als die Schwellung noch immer nicht ganz abgeklungen war. Der Orthopäde gratulierte mir zur erfolgreichen Heilung dreier glatter Brüche, die - wie er bemerkte - unter seiner Behandlung nicht besser ausgesehen hätten. Und verschrieb mir eine Bandage, die wirklich gut tat. Nach und nach brauchte ich sie immer weniger.

Das Ganze ist Jahre her.

Ich war so überarbeitet, dass ich meinen Körper nicht mehr gefühlt habe.

Zum Glück bin ich in meinen jungen Jahren sowas wie die Königin der Psychosomatik gewesen und kannte eigentlich das Gegenteil davon – dass mich mein Körper mit diversen selbst produzierten Symptomen um meine Aufmerksamkeit bittet.

Ich wusste: Mein Weg da raus ging über die Atmung. Über das Spüren. Raum zu geben. Über das Zulassen aller meiner Symptome im Hier und Jetzt. Über das kompromisslose Annehmen meines So-Seins. Über Hingabe.

Und das tat ich. Ganzheitlich.

Heute fühlt sich mein Körper von Kopf bis Fuß durchlässig an - die Energie verteilt sich überall. Überall und über meinen Körper hinaus.

Nur nicht in meinen linken Fuß.

Er steht weiter als Mahnmal für die Zeit, in der ich nicht mit mir verbunden war.

Vor kurzem nervte es mich so, dass ich tatsächlich einen Beitrag über meinen linken Fuß schrieb und um Ideen bat, wie ich diesen verlorenen Körperteil integrieren möge.

Ich bekam wunderbare Antworten. Und dann erst kam ich drauf.

Mein Weg da rein geht über die Atmung. Über das Spüren. Ich muss meinem Fuß Raum geben. Alle meine Symptome im Hier und Jetzt zulassen. Sein So-Sein kompromisslos annehmen. Mich ihm hingeben.

Wie konnte ich das vergessen?

Dem Körper eine Stimme geben

Ich setzte mich also aufrecht in meine Meditationshaltung, entspannte mich und dehnte meinen Atem auf den ganzen Körper aus.

Ich liebe die körperzentrierte Herzensarbeit. Bei der soll man eigentlich nur sitzen und fühlen. Das funktioniert bei mir nicht. Mein Körper will sich manchmal bewegen dabei – und meine Stimme will die Gefühle um die es geht, ausdrücken. Wenn ich mich auf ein Symptom konzentriere, dann fängt der entsprechende Körperteil an, durch mich zu tönen. So kann ich auch die Atmung effektiver verstärken und es fließt mehr Lebensenergie dorthin. Je klarer und tiefer der Ton, desto wohliger.

Ich lebe damit – und setze es inzwischen zur Selbsttherapie bei mir ein.

Also konzentrierte ich mich auf meinen linken Fuß. Ich bat ihn um einen Ton. Der kam. Fiepsig. Abgebrochen. Viel zu hoch. Ein unangenehmer Kopfton. Kaum rauszubringen.

Ich versuchte es eine Weile. Ich wusste nicht, wohin es führen soll. Es war kläglich. Dann bat ich meinen rechten Fuß um einen Ton. Der war ein Brustton. Tiefer. Eher mittlere Lage. Ich wusste nun, wohin.

Zurück zum linken Fuß. Tönen. Den Ton halten. Immer wieder den Abbruch kitten, verbinden, halten. Zwischendurch seufzend und loslassend einatmen, unaufhörlich weiter vertiefend. Das ging sehr lange. Dann war es soweit. Der Ton rutschte tiefer. Ich konnte einen Brustton produzieren. Immer noch abgebrochen, aber sofort floss ein Strom prickelnder Energie in meinen Fuß hinein, wärmte ihn auf. Er war ein Teil von mir, ich konnte es kurz spüren.

Am nächsten Tag hatte ich nur kurz Zeit, dem Fuß vor dem Einschlafen mit ein paar wimmernden Kopftönen zu verdeutlichen, dass ich ihn nicht vergessen hatte.

Am Tag darauf dann war es wieder so weit. Ich rief ihn und bat ihn um einen neuen Ton. Nach einem langen zittrigen Kopfton wurde er mutiger und sackte nicht nur in die Brust, wo er eine Weile verweilte, nein, er rutschte sogar in den Bauch und ließ es zu, dass die entstehende Energie sich von dort in Wellen über die Schultern zu den Armen ausbreitete. Meine Arme schüttelten sich und zupften an der Körpermittellinie entlang, verbanden beide Seiten, schufen einen ganzkörperlichen Ausgleich zwischen Links und Rechts. Es fühlte sich wunderbar an. Ich war ganz.

Der bedürftige Zustand meines ewig verletzten Fußes war mir jedoch seitdem in jedem Moment bewusst. Und das fühlte sich noch nicht durchgängig wohlig an, sondern leicht unangenehm und schmerzhaft. Eher stachelig.

Ich habe ihm über eine Woche lang täglich Zeit gewidmet, bis ich dann am folgenden Wochenende das Gefühl hatte, dass mein Fuß wieder zu mir gehörte.

Erste-Hilfe in seelischen Notsituationen

Erstaunlich daran ist die Tatsache, dass ich die vielfältigsten Methoden kenne, wie ich in Kontakt gehe mit meinem Körper, dass ich die Atmung in den letzten Winkel schicken, mich steuern und regulieren kann – dass ich weiß, wie ich meinem Körper zuhören UND gleichzeitig eine Stimme geben kann – und doch in solchen Notfallsituationen für mich selbst nicht mehr darauf komme.

Weil jemand in Panik nicht mehr weiß, dass er 112 rufen muss, gibt es Aufkleber fürs Telefon. Erinnerungshilfen.

Ich fragte also andere, wie sie es schaffen, sich an ihre Ressourcen zu erinnern, um ein Erste-Hilfe-Set zur Verfügung zu haben, wenn ich es brauche.

Ich bekam wieder ganz wunderbare Ideen geschenkt, die ich gern hier teilen möchte.

  • Kooperation und Austausch mit anderen Menschen
  • SOS-Schachtel: Ein schönes Kästchen voller Zettel mit Ideen, Schnipsel mit Ressourcen, Wünschen, Namen von Freunden, Aktivitäten, Farben, Sprüche, die guttun... im Bedarf kann z.B. ein Zettelchen gezogen werden.
    Manchmal kann man einfach mal so reinschauen, Schnipsel hinzufügen und welche rausnehmen. Auch befüllbar mit kleinen Dosen mit verschiedenen Düften (ein Wattepad oder kleines Stück Stoff mit Duft bestäuben), oder Sand und ganz kleine Muscheln und Steinchen.
  • Überall ein paar Bilder aufhängen, die an Dinge erinnern, die gut tun (Kühlschrank oder Bildschirmhintergründe, eine Story-Board-Wand oder ähnliches).

Das Gute ist, dass ich inzwischen die Sicherheit habe, dass ich das wichtigste Werkzeug, das ich brauche immer dabei habe: Meinen Körper.

Das Atmen kann ich nicht vergessen. Und wenn ich nur daran denke, meine Wahrnehmung darauf zu lenken, dann geht die erste Hilfe schon los!

 


Ich stecke gerade mitten in einem Projekt. Einer Reise zu meinem Selbst. Im Oktober 2018 besuchte ich das Playing Arts Symposion und durchlief dort den Prozess der Selbstzertifizierung zum Playing Artist. Richtig gelesen: S e l b s t z e r t i f i z i e r u n g. Das war eine bahnbrechende Erfahrung für mich. Ich denke nämlich immer, ich müsste erst alle Bücher gelesen und relevante Qualifikationen nachweisen können, bevor ich berechtigt wäre, etwas zu einem Thema zu sagen – mein Wissen zählt nicht, weil das ja nur autodidaktisch ist. Nur…!

Was mir offensichtlich fehlt, ist etwas mehr Selbstvertrauen. Und Selbstsicherheit. Selbstverständlichkeit! Vielleicht Selbstbewusstsein? Jedenfalls ließ mich dieses gute Gefühl nicht mehr los, mir selbst ein Zertifikat ausgestellt zu haben. Ich wollte mehr davon. Mehr von diesem Gefühl der … Selbstermächtigung. Also stelle ich mir in einer Art Selbstfürsorge bereits seit einiger Zeit täglich selbst weitere Zertifikate aus. Was als Scherz begann, dient inzwischen merklich der Förderung meiner Selbstannahme und Selbstliebe. Am Ende des Prozesses fühle ich dann hoffentlich etwas mehr Selbstwert. Und kann zu meiner Selbstverwirklichung kommen.

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Die Frage, die auf der Hand liegt, lautet:

Wie sind mir eigentlich so viele Teile meines Selbst abhanden gekommen?

Meine Generation wurde ja noch nicht so bewusst willkommen geheißen wie die unserer Kinder. In den Siebzigern hat man sich wohl noch nicht so viele Gedanken über Kindesentwicklung gemacht. Nach meiner Geburt wurde ich sofort mit dem Hubschrauber zum nächsten Inkubator geflogen, ohne dass meine Mutter auch nur einen Blick auf mich hatte werfen dürfen. Ich weiß nicht mal, wie viele Monate alt ich genau war, als sie mich dann das erste Mal sah.

Meine beiden Omas holten mich zwar zusammen nach nur drei Monaten aus dem Krankenhaus ab und nahmen mich abwechselnd bei sich auf. Aber es war da schon passiert. Als unsicher gebundenes Kind war ich ein Bilderbuchexemplar, aus einem Lehrbuch der Psychosomatik entsprungen. Manchmal nervt es mich sehr, wenn ich wieder irgendwo lese, wie perfekt ich das Klischee des früh traumatisierten Kindes verkörpert habe.

Ich habe mich also mein Leben lang zu psychologischen Themen hingezogen gefühlt, allein schon um meine zum Teil extremen körperlichen Reaktionen zu verstehen. Aber ich bin auch dankbar - weiß ich doch gleichzeitig, dass das Wort Resilienz ebenso für mich erfunden wurde. Ich habe es nie wirklich eingesehen, dass der Rest meines Lebens von diesem Fehlstart bestimmt werden soll. Ich will ein glückliches Leben führen. Gern auch mit Leichtigkeit.
                                                                                                                                                                                                                                            
Selbst der Vorbereitungskurs zum Psychotherapeutischen Heilpraktiker hat mich nicht so weit gebracht wie die Lektüre von Ken Wilbers Werk. Die wohl eine Lebensaufgabe für mich werden wird, um sie ganz zu verstehen. Es ist nichts weiter als eine „Theorie von Allem“, d.h. er bringt ungelogen die gesamte Wissenschaftsliteratur der letzten Jahrhunderte zusammen und entwirft eine Vision davon, wohin Evolution uns führen könnte. Weshalb es sich als schwierig erweist, sein Werk zusammenzufassen. Heute möchte ich ausschließlich den momentanen Stand meines Verständnisses über die Drehpunkte der Entwicklung wiedergeben - und kürze dabei gnadenlos. 

Entwicklung ist etwas, das geschieht, indem das Leben uns immer wieder Fragen stellt.

In „Integrale Lebenspraxis“ werden die verschiedenen Lebenslinien dargestellt, die z.T. auch als multiple Intelligenz oder als Bildungsbereiche bekannt sind. Ihre Fragen an uns lauten:
                                                                                                          
    • Was erkenne ich? (Kognitive Fähigkeiten)
    • Was brauche ich? (Bedürfnisse)
    • Wer bin ich? (Ich-Identität)
    • Was ist für mich wichtig? (Werte)
    • Wie empfinde ich das? (Emotionale Intelligenz)
    • Was finde ich schön oder anziehend? (Ästhetik)
    • Wie handele ich richtig? (Moralische Entwicklung)
    • Wie sollen wir uns miteinander austauschen? (Zwischenmenschliche Beziehung)
    • Wie soll ich das körperlich bewerkstelligen? (Kinästhetische Fähigkeiten)
    • Was ist mein höchstes Anliegen? (Spiritualität)

Diese Linien können sich unabhängig voneinander entwickeln. Wenn wir jegliche psychische Auffälligkeiten als Störungen der Entwicklung begreifen, ist es letztlich nur noch eine Frage des Entstehungszeitpunktes, wie sie sich ausprägen werden. Ob sie dann als Persönlichkeitsmerkmal, Macke oder als Erkrankung rüberkommen, wird davon bestimmt, wie stark die jeweilige Ausprägung ist. Franz Ruppert geht in „Wer bin ich in einer traumatisierten Gesellschaft“ so weit, dass er von hundert Prozent betroffenen Menschen ausgeht. Ich denke daher, dass es schlichtweg zum Leben dazugehört. Jede Krise ist ein Schub in die richtige Richtung, sie bringt uns weiter. In meinem Artikel "Wie Hochsensitivität zu persönlichem Wachstum verhilft" erzähle ich mehr darüber.

Wulf Mirko Weinreich erklärt in „Integrale Psychotherapie“, wie leicht wir Menschen, bei denen die Entwicklung dieser Linien nicht gleichmäßig verlief, als psychisch krank wahrnehmen. Eigentlich erwachsene Menschen zeigen dann unerwartet unreifes Verhalten für ihr Alter. Um ein Beispiel zu nennen: Wenn sich jemand z.B. in der kognitiven Linie gut entwickelt hat, innerhalb der moralischen und emotionalen Linie jedoch deutlich unter dem Erwartungsgemäßen liegt - dann haben wir einen im ersten Kontakt unauffälligen Mitarbeiter eingestellt, der plötzlich vor Kollegen keine Verantwortung für seine Fehler übernimmt und beim kleinsten Problem Wutanfälle produzierend und rachedurstig alles auf andere schiebt.

Die Entwicklungsebenen sind ebenso universell wie die Linien. Jeder Mensch auf dieser Welt durchläuft sie. Zumindest bis zu einem gewissen Punkt. Die Stufen bauen aufeinander auf. Sie sind jedoch nie voneinander getrennt. Sie sind in unendlich verschiedenen Abstufungen miteinander verschachtelt und verwoben, gehen ineinander über. Man bleibt als einigermaßen gesunder Mensch auch nie ganz auf einer Stufe stehen.

Drehpunkte der Entwicklung

Es sind diese Ebenen, die bestimmen, ob wir es mit den Herausforderungen einer Psychose, einer Persönlichkeitsstörung wie Narzissmus, Borderline, Neurosen, Lerndefiziten oder was auch immer zu tun haben werden. Niemand erklärt das besser als Ken Wilber!   

Drehpunkt 0 - vorgeburtliche-  und Geburtserfahrungen

Bei jeder dieser Selbst-Stufen oder bei jedem der Drehpunkte, der zu einer nächsten Entwicklungsstufe führt, geht es darum, sich mit der Ebene, auf der man sich gerade befindet, völlig zu identifizieren, mit ihr zu verschmelzen, sie sich zu eigen zu machen. Das ist der notwendige erste Schritt von Dreien. Man ist nun so lang mit einer Stufe identifiziert und verschmolzen, bis es zum nächsten Entwicklungssprung kommt.

Am einfachsten ist das darzustellen mit der ersten großen Verschmelzung, der vorgeburtlichen im Mutterleib. Das ist D-0. Um weiterzukommen, muss es zweitens dann eine Differenzierung geben. Das wäre dann die Geburt an sich.                                                                                               

Jede Ebene der Selbst-Entwicklung kennt verschiedene Arten von Abwehr. Das Selbst wird immer versuchen, sich gegen Schmerz, Störungen, Säbelzahntiger und das Sterben an sich zu verteidigen. Kämpfen, Fliehen oder Totstellen sind dabei die berühmtesten Muster, wobei am Anfang eher nur Totstellen geht. Auf jeder neuen Ebene stehen uns dafür neue, komplexer werdende Mittel zur Verfügung.
                                                                                                                                                                                 
Im Falle von ersten Schwierigkeiten hieße das, einen Schock oder ein Geburtstrauma zu erleiden. Beginnt es noch während der ozeanischen Verschmelzung, befindet sich das Individuum in einer Art körperlich-mystischen Verbindung mit der Welt. Es kommt zu keiner wirklichen Differenzierung, man ist nicht wirklich in dieser Welt angekommen. Das Kind bleibt in der kosmischen Verschlingung mit dem Mutterleib hängen. Das ist einer der Abwehrmechanismen des Selbst, dass es zur Stagnation, also zur Verschmelzung, Fixierung oder mangelnden Grenzbildung mit einer Ebene kommen kann. 

Deshalb sind mir meine Selbstzertifizierungen so existentiell wichtig. Ich erteile diesem unerlösten Teil von mir dadurch überhaupt erst einmal die offizielle Erlaubnis, hier in dieser Welt zu sein. Für mich ist das Heilung pur. 


Der Geburtsprozess direkt gehört ebenfalls zu D-0. Das Baby erlebt intensiven Schmerz und ekstatische Freude. Bei mangelnder Differenzierung davon kann das später sadomasochistisches Verhalten auslösen, um diese Erfahrungen erneut nachzuleben.

Während einer komplizierten Geburt, in der es keinen Ausgang gab, machte das Kind eine „no-exit-Erfahrung“. Jemand, der sozusagen im Geburtskanal steckenblieb, zeigt die unglückliche Tendenz, die nächsten Drehpunkte ebenfalls mit der Prägung einer gefühlten Ausweglosigkeit zu durchleben. Diese Art von Selbstschutz, sich in Regression mit einer früher durchlaufenen Entwicklungsebene zu identifizieren und sich nicht davon zu differenzieren, ist ein weiterer Abwehrmechanismus. Das Individuum wird dann mit Depressionen, ausweichendem Verhalten oder Unterdrückung reagieren - und immer wieder mit diesem Erlebnis konfrontiert werden - bis es integriert ist.                                                                                               
                                                                                                                                                                                     
Womit wir beim dritten Schritt wären, der Integration. Diese beinhaltet, dass es zu einer  Transzendenz mit gleichzeitigem Umfassen der vorherigen Ebene kommt. Die Ergebnisse aus den vorangegangenen Lernprozessen sind vollständig in der neuen Ebene aufgegangen und bilden etwas Neues, das weit über die bloße Verbindung beider Ebenen hinausgeht. Wir sind immer mehr als die Summe aller Teile.
                                                                                                        
Wilber nennt in „Integrale Psychologie“ als Beispiel für eine mangelnde Integration der Geburtserfahrung den Messiaskomplex.

Identifikation, Differenzierung und Integration finden in jeder Phase erneut statt.

Der Prozess von Differenzierung und Integration kann jedes Mal irgendwie schiefgehen. Das führt dann zu einer Blockade, einer Einengung des Selbst auf seinem Weg der Entfaltung. Oder im schlimmsten Fall zu einer ausgemachten Pathologie

Bei jedem der Drehpunkte können sich andere innere Stimmen der Persönlichkeit ausbilden. Je nachdem, auf welcher Stufe es zu Schwierigkeiten kommt, bleibt ein Teil unerlöst zurück. Und wie bereits gesagt: Jede dieser Subpersönlichkeiten kann sich in jeder der Linien auf einer anderen Ebene der Entwicklung befinden.                                                                                       

Alle Lebenserfahrungen, die die Integrationsfähigkeit des Selbst übersteigen, behindern seine Weiterentwicklung. Weinreich beschreibt, dass die Integration eines entfernten Selbst derart gestört werden kann, dass es zur Dissoziation, Verdrängung oder Entfremdung kommt. Das sind weitere Abwehrmechanismen. Außerdem können fälschlicherweise Subpersönlichkeiten handelnd im Vordergrund einer Psyche sein anstatt der Hauptpersönlichkeiten, die eigentlich das Sagen hätten. Ich selbst bin z.B. dermaßen verschmolzen mit meinem „professionellen Selbst“ gewesen, dass ich kürzlich erstaunt feststellen musste, dass ich auf eine gewisse Art gar nicht so genau weiß, wer „ich“ wirklich bin.                       

Selbstzertifizierung_Attest_Britta_Weinbrandt

                                
Auch hier helfen mir meine Selbstzertifizierungen weiter. Ich muss ja schließlich erst einmal etwas über mich herausfinden, bevor ich es mir bescheinigen kann.
                                                                                                                         
Viele Anteile werden also verdrängt oder sogar abgespalten. Wirklich problemhaft sind solche dissoziierten Anteile, weil sie die Entwicklung wirklich hemmen. Sie sind es auch insbesondere, die die heftigen Symptome produzieren können. Sie wollen ja schließlich gehört und gelebt werden!                                             
 
Das ist alles nicht wirklich neu und in jedem Buch über Trauma oder über das innere Team nachzulesen. Wilber deckt darüber hinaus noch sehr ermutigend auf, auf welche Art wir wachsen und unsere Krisen überwinden können: Kein Mensch steht einfach auf einer Stufe, mit einem einzigen Abwehrmechanismus oder einer Art Bedürfnis. Wir sind viel komplexer. Daher leuchtet ein, dass uns im Umkehrschluss auch nicht nur eine Art von Behandlung helfen kann. Die integrale Theorie ist mir so sympathisch, weil sie so allumfassend erscheint. Kein Wissenszweig, keine Methode, kämpft hier gegen die andere. Sie haben alle ihre Berechtigung. In jeder Facette steckt Wahrheit.
                                      
Und meine Wahrheit - ein Bewusstsein für mich - zu entwickeln, ist an und für sich bereits heilend. Durch die volle Erfahrung aller Facetten von Leben, von Therapie, kann das Bewusstsein die aufzunehmenden Elemente anerkennen und sie dadurch loslassen. Es kann sich aus der Einbettung in sie lösen und sich so von ihnen differenzieren, sie transzendieren – um sie dann in einer umfassenderen, mitfühlenden Aufnahme zu integrieren.
                                          
Und jeder von uns ist vollends in der Lage, die ausgelassenen Entwicklungsschritte jederzeit nachzuholen.  

Ich beschreibe nun abschließend die weiteren Entwicklungsebenen und die Auswirkungen mangelnder Differenzierung und Integration auf unser Selbst an den zu meisternden Drehpunkten, wie ich sie bei Wilber gefunden habe.

Drehpunkt 1 - physisches Selbst                                                                                                                        
                                                                                                                       
Das Selbst ist zu Beginn relativ undifferenziert von seiner Umgebung. Laut Piaget ist es sozusagen materiell. Das heißt, es kann nicht leicht sagen, wo sein Körper aufhört und wo die Umgebung anfängt. Das ist der Anfang von D-1. Es geht darum, die eigenen körperlichen Grenzen zu spüren und auszubilden.

Diese Phase beginnt mit der Geburt und endet mit ca. 12 Monaten. Wenn das Kind die physische Objektpermanenz mit etwa 18 Monaten realisiert hat, markiert dies den Beginn von D-2 (Das war das mit dem Ball, von dem das Kind weiß, dass er trotzdem noch da ist, obwohl es ihn nicht mehr sieht).

Die Weltsicht ist archaisch. Wir haben nur Sinneseindrücke, Wahrnehmungen, früheste Impulse und Bilder zur Verfügung. Wenn dieses archaische Bewusstsein nicht differenziert (transzendiert) und integriert (gelöst) wird, kann es zu primitiven Pathologien führen. So kann sich das archaische Selbst nur auf sehr einfache Weise verteidigen. Wenn sich das Selbst nicht richtig von der physischen Umgebung differenziert und seine Bilder davon integriert, kann das schwerwiegende Auswirkungen haben, wie bestimmte Formen von Psychose. Das Individuum weiß dann nicht, wo sein Körper aufhört und wo seine Umgebung anfängt, es verschmilzt mit der physischen Umgebung. Es kommt zur Entstellung von Wahrnehmungen, zu Halluzinationen. Wilber nennt auch kindlichen Autismus oder einen irritierenden Mangel an Selbst-Grenzen.

Therapie: Ruhigstellung

Die frühesten Drehpunkte D-0 und D-1 haben bis vor kurzem einer Behandlung widerstanden (außer durch Medikamente/Ruhigstellung), weil sie so schwer zugänglich sind. Jedoch kann Körpertherapie durch intensive Regression diese Ebene erfahrbar machen. Bekannt sind Janovs Urschreitherapie oder Grofs holotrope Atemarbeit, durch die die ersten tiefen Wunden in voller Bewusstheit wieder erlebt werden und das Bewusstsein so die Möglichkeit bekommt, auf eine integrierte Weise weiterzugehen. In meinem Artikel "Aussteigen aus dem negativen Gedankenkarussell" erkläre ich genauer, wie das mit dem Zugang über den Körper funktioniert.

Drehpunkt 2 - emotionales Selbst        
                    
Irgendwann im ersten Lebensjahr hat das Baby also gelernt, dass es einen Unterschied macht, ob es in die Decke beißt oder in seinen eigenen Daumen. Dass es einen Unterschied gibt zwischen Körper und Materie. Das Kleinkind unterscheidet nun seinen Körper von der Umgebung und so verschiebt sich mit dem Beginn von D-2 seine Identität von der Verschmelzung mit der materiellen Welt zu einer Identität mit dem emotional fühlenden Körper. Es gilt daher, die eigenen Gefühlsgrenzen zu spüren und auszubilden. Das emotionale Körper-Selbst differenziert sich von den Emotionen und Gefühlen anderer und von emotionalen Objekten. Die Phase dauert von 1-3 Jahren.

Es ist die Stufe der Ablösung und Individuation. Ihre Weltsicht ist magisch. Die Welt kann in allmächtiger Phantasie herumkommandiert werden oder die Umwelt ist voller animistischer Verschiebungen. Es herrscht „Wortmagie“.
                                                                                                                
Das Selbst hat die Mittel intensiverer Gefühle, Emotionen und neu entstehender Symbole hinzugewonnen und es kann sich deshalb auf raffinierte Weise verteidigen. Es spaltet sich und die Welt in in „vollkommen gut“ und „vollkommen schlecht“, es projiziert seine Gefühle und Emotionen auf andere und verschmilzt mit der emotionalen Welt anderer. Ein weiterer Abwehrmechanismus wäre die Selbstobjekt-Verschmelzung – mit der Mutter.

Wenn das emotionale Körper-Selbst bei D-2 Mühe hat, sich selbst von anderen zu differenzieren, kommt es zu Störungen der Persönlichkeit. Zum Beispiel könnte das Ergebnis bleibender Narzissmus sein. Narzisst zu sein bedeutet, dass andere als Erweiterung des Selbst behandelt werden.

Es kann auch zu einer Borderline-Störung kommen. Schmerzhaft und störend dringt hier die äußere Welt in das noch fragile Selbst ein. Andere überschreiten und durchbrechen ständig die Grenzen des ungeschützten Selbst.

Therapie: Strukturbildung, Stärken von Grenzen

Das Problem dieser Ebene ist, dass von Anfang an kein starkes Selbst vorhanden ist. Die Techniken zur Behandlung einer solchen Störung werden daher strukturbildend genannt. Sie versuchen, die Grenzen des Selbst aufzubauen und Ich-Stärke zu fördern. Es gibt auf dieser frühen Ebene wenig unterdrücktes Material „aufzudecken“, weil das Selbst nicht stark genug war, irgend etwas zu verdrängen. Das Ziel der Therapie ist hier, die Stufe von Ablösung und Individuation abzuschließen, so dass der Mensch mit einem starken Selbst und klar bestimmten, differenzierten und integrierten emotionalen Grenzen ins Leben treten kann.

Zu diesen Ansätzen gehören nach Wilber Aspekte der Objektbeziehungstherapie (Winnicott, Fairbairn, Guntrip) , psychoanalytische Ich-Psychologie (Kohut), und zahlreiche Formen einer Integration dieser Ansätze (wie die von John Gedo und James Masterson).  

Bis einschließlich D-2 ist die Entwicklung zum größten Teil präverbal und vorbegrifflich.      

Drehpunkt 3 – Selbstbild/Selbstkonzept

Um das 3.-6. Lebensjahr herum unterscheidet das Kind schließlich den konzeptuellen Geist und den emotionalen Körper. Das frühe mentale Selbst beginnt aufzutauchen und sich vom Körper und seinen Impulsen, Gefühlen und Emotionen zu differenzieren, und versucht, diese Gefühle in sein konzeptuelles Selbst zu integrieren. D-3 endet, mit 5-7 Jahren, wenn die eigenen Grenzen erspürt werden können und ausgebildet sind.

Das Kind lernt zu unterscheiden, was von den Eltern gewünschtes und unerwünschtes Verhalten ist. Das Selbst verfügt nun über verfeinerte Konzepte und den Beginn von Regeln. Diese neuen Mittel können als sehr mächtige Abwehrmechanismen benutzt werden, um den Körper und seine Gefühle wirksam zu unterdrücken, seine Begierden zu verschieben und verdrängen, Reaktionsbildungen zu erzeugen.
                                                                                         
Bei D-3 hinterlässt ein Mangel an Differenzierung eine Verschmelzung mit dem labilen emotionalen Selbst. Wenn Körper und Geist sich zwar differenzieren, dann aber nicht integriert werden, so dass die Differenzierung zu Dissoziation wird, ist das Ergebnis eine klassische Neurose.  Das Problem ist hier, dass ein stärker werdendes Selbst den Körper unterdrücken kann. Angst, Depression, Phobien, Zwangsstörungen und exzessive Schuldgefühle angesichts des eben erst auferstandenen Über-Ichs, sind zu erwarten. Bei Verdrängung der körperlichen Gefühle, insbesondere der aggressiven und sexuellen Gefühle, kann der Geist von schmerzhaft starken Emotionen überschwemmt und überwältigt werden. Stimmungsschwankungen und Schwierigkeiten mit der Impulskontrolle sind üblich.
                                                                               
Therapie: Kontakt zu den eigenen Gefühlen, Kontaktaufnahme und Anfreunden mit Schattengefühlen                 

Zur Behandlung von Neurosen gehört Entspannung und behutsames ans Licht bringen der verdrängten Stimmen, eine neue Kontaktaufnahme mit den verdrängten Gefühlen oder dem Schatten und ihre Reintegration in die Psyche. Es sind aufdeckende Techniken, die dem Bewusstsein erlauben, sich mit den abgespaltenen Teilen wiederzuverbinden. Sie stellen die Harmonie der Psyche wieder her.
  
Wilber nennt die Klassische Psychoanalyse, Schattenarbeit nach Jung, Gendlins Focusing und Aspekte der Gestalttherapie, Ich-Psychologie und Selbst-Psychologie.
                                                                                                
Drehpunkt 4 – Regel/Rollen-Selbst

Im Alter zwischen 6 und 12 beginnt das Selbst, die Regeln seiner Gesellschaft zu lernen. Vorgelebte Rollen anderer werden übernommen. Wir bewegen uns vom Ich zum Wir, vom rein Egozentrischen hin zur Gemeinschaft. Diese Gemeinschaft ist jedoch klar abgegrenzt. Wir gegen die anderen. Das Thema lautet Zugehörigkeit. Georg Kastenbauer nennt in „Erkenne Ich und Selbst“ die Anzahl der Weltbevölkerung, die sich auf dieser soziozentrischen und ethnozentrischen Stufe befindet, mit 40 Prozent.

Die Weltsicht ist mythisch. Die früh eingenommenen Rollen sind noch kollektiv, archetypisch, wie man sie in Märchen und bei Göttern und Göttinnen der Mythologie findet.
                                                                                          
Wenn hier etwas schiefgeht - und da inzwischen so viele Teile verloren gegangen sind - bekommen wir eine „Skript-Pathologie“. Hier haben unsere hinderlichen inneren Glaubenssätze ihren Ursprung. Was wir über uns zu wissen glauben, was andere uns eingeredet haben. All die falschen, irreführenden Geschichten und Mythen über sich und die Welt, die das Selbst lernt. In meinem Artikel "Aussteigen aus dem negativen Gedankenkarussell" habe ich mich bereits mit Selbstcoachingmethoden beschäftigt, die dort hinaus führen.

Weitere Probleme entstehen, wenn wir das Gefühl haben, nicht dazuzugehören. Die Abwehrmechanismen, die uns auf D-4 zur Verfügung stehen, sind Verschiebung, mehrdeutiges Verhalten und verdeckte Absichten.

Die gute Nachricht ist, dass es ab hier wohl kaum mehr zu einem Entwicklungstrauma kommen kann, denn die Psyche ist inzwischen stabiler geworden. Laut Weinreich sind eher Lerndefizite zu erwarten. 

Therapie: Zugehörigkeit, Kognitives Durcharbeiten der Skripte

Therapie wie Kognitive Therapie hilft von D-3 bis D-6 dem Individuum, diese fehlangepassten,  falschen, entstellten, herabsetzenden und unfairen Vorstellungen von sich selbst und anderen aufzugeben und sie durch genauere, bekömmlichere, gesunde Skripte zu ersetzen.

Selbstzertifizierung_Ich_Hier_Jetzt_Britta_Weinbrandt


Drehpunkt 5 - reifes Ego, rationales Selbst

Das Selbst kann sich von einem Selbst mythischer Zugehörigkeit mit konventioneller Moral, Regeln und Rollen zu einem globalen, weltzentrischen Selbst hinbewegen, dem reifen, gewissenhaften, individualistischen Ich. Nicht länger Wir, mein Stamm, meine Gruppe, meine Nation, sondern Wir, alle Menschen ohne Ausnahme, unabhängig von Rasse, Religion, Geschlecht oder Glauben. Mitgefühl ist universell, unparteilich, fair, gerecht für alle.

Viele erreichen diese Stufe von 12-19 Jahren. Das selbstreflektive Ich taucht auf und stellt die gesellschaftlich vorgegebenen Normen in Frage.
                                                                                         
Die Probleme drehen sich oft um diesen schwierigen Übergang. Wer bin ich? - und zwar nicht nach meinen Eltern oder nach der Gesellschaft oder meinen Glaubensvertretern, sondern nach meinem eigenen tief inneren Gewissen? Das Selbst macht sich auf, herauszufinden, was das eigene, individuelle Leben ausmachen könnte. Es ist dann mit einer Verwechslung von Identität und Rolle konfrontiert.                                                                                              

Die Abwehrmechanismen sind schon deutlich gereift. Impulse können unterdrückt werden. Mit der  Antizipation können Probleme erahnt und bereits im Vorfeld vorwegnehmend gegengesteuert werden. Sublimierung bedeutet, dass eine Ersatzhandlung für ein misslungenes Manöver erdacht und durchgeführt werden kann.     

Therapie: Introspektion, Selbstwert, Sokratischer Dialog                                                                                                                      

Drehpunkt 6 - existentielles, integriertes Selbst

Existentielle Themen und Probleme treten in den Vordergrund, neben der Möglichkeit eines integrierten Körperselbst. Georg Kastenbauer beschreibt, dass hier Körper und Geist integriert sind, aber noch nicht eins sind mit der Welt. Das beobachtende Selbst blickt auf die Welt und auf sich selbst. Es ist die Metaebene, das Zeugenbewusstsein, das hier erstmals auftritt.

Die Abwehrmechanismen innerhalb dieser existentiellen Lebenskrise bestehen aus Inauthentizität, Abstumpfen und Resignation. Im schlimmsten Fall wird der Versuch der Selbstverwirklichung einfach aufgegeben.                                                   

Therapie: Selbstverwirklichung, Sokratischer Dialog

In weiteren Drehpunkten beschreibt Wilber Entwicklungen, die zum größten Teil transmental und transrational sind. Die transpersonalen Bereiche kommen in den Blick, nicht einfach als vorübergehende Gipfelerfahrungen, sondern als neue und höhere Strukturen. Für Wilber geht die Entwicklung weiter über das Einswerden mit der Welt, mit der Seele, bis hin zur Erleuchtung und dem Einswerden mit dem formlosen Geist auf der höchsten Stufe.

Das werden wohl die wenigsten von uns erleben.

Selbstzertifizierung_Bundesjugendspiele_Britta_Weinbrandt

Ich selbst jedenfalls werde mich noch ein paar Wochen weiter selbst zertifizieren, um möglichst viele Teile meiner Selbst weiter zu integrieren. Ich plane, mir ein Dokument pro Lebensjahr zu erstellen. Wenn ich damit durch bin, werde ich ein Übungsbuch daraus machen. Wer Lust hat, noch mehr über meine Impulse zur Selbstermächtigung zu erfahren und die heilenden Auswirkungen solcher Selbstzertifizierungen vielleicht sogar irgendwann selbst an sich zu erfahren, ist herzlich eingeladen, sich mit mir zu verbinden. 

Schnellanleitung für einen positiven Blick
Schnellanleitung für einen positiven Blick

 

Wenn es um das Thema Gesprächsführung geht, kommt man meines Erachtens um das Reframing nicht herum. Um den Blickwinkel einer tendentiell negativen Äußerung in eine wertschätzendere, lösungs- und ressourcenorientierte Richtung zu schubsen, können wir die positive Umdeutung sinnvoll einsetzen,

Ich bin beim Niedersächsischen Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung mal über eine Liste von Zuschreibungen gestolpert, die insbesondere Kindern galt, die ein bisschen mehr auf dem Kasten haben als andere - und dementsprechend fordernd auf das Nervenkostüm ihrer Eltern, Großeltern, Erzieher und Lehrer wirken können. Allerdings haben alle Kinder es verdient, dass man ihnen einen kleinen Vertrauensvorschuss gibt. Schließlich wollen sie niemanden bewusst ärgern, sondern sind nun mal so, wie sie sind.

Hier kommt nun eine kleine Starthilfe, für alle, die ihre Einstellung zu ihren Kindern und ihre Kommunikation nach Außen mit einem Schuss positivem Denken würzen möchten. Das gilt natürlich umgekehrt und gleichermaßen für alle wohlwollenden Pädagogen, die ihre Anvertrauten gegenüber deren verzweifelten Eltern verteidigen möchten!

Sie ist immer so neugierig. Überall steckt sie ihre Nase rein!

Wer so etwas über seine Tochter hört, kann den Sprecher darauf hinweisen, dass das Mädchen Neugierde zeigt und überall nach Bedeutung und Sinn sucht. Sie ist wissensdurstig, wissbegierig, interessiert, allinteressiert, motiviert, aufgeweckt, wachsam und saugt auf wie ein Schwamm. Dazu ist sie weltoffen, erkundungsfreudig und explorativ. Außerdem kann sie gut beobachten und zuhören!

Er ist furchtbar hartnäckig!

Im Gegenteil! Er ist Intrinsisch motiviert, ausdauernd, standhaltend, standhaft, er bleibt dran, ist konsequent, beständig, beharrlich, geduldig. Er gibt nicht auf. Er führt Aufgaben tatsächlich bis zum Schluss, hat eine hohe Frustrationstoleranz, ist bestimmt, willensstark, durchsetzungsstark, zielstrebig und vertritt seine Meinung. Basta.

Sie strengt sich einfach nicht an!

Warum auch? Sie erwirbt schließlich Informationen leicht und schnell, es fällt ihr förmlich zu, sie kann es ja schon. Sie fühlt sich nicht wirklich gefordert, sucht erst einmal nach dem Sinn dahinter. Sie geht den effektiven Weg. Oder sie hat einfach andere Interessen. Vom Typ her ist sie ruhig, entspannt, gelassen, zurückhaltend, abwartend, zufrieden. Sie macht sich keinen Druck, ist in sich ruhend, im Ruhemodus - sozusagen Wellnessexpertin. "Hängematte" ist ihr Lebensmotto. Noch dazu ist sie kreativ und kann wirklich gut delegieren.

Er macht mich wahnsinnig, weil er alles hinterfragt!

Man könnte auch sagen, er löst sehr gern Probleme und ist fähig, Konzepte und Synthesen aufzustellen und zu abstrahieren. Er bildet sich seine eigene Meinung. Er nimmt die Dinge nicht einfach so als gegeben hin, er möchte sichergehen, fragt aktiv nach dem Sinn dahinter, ist generell interessiert, wissbegierig, kritisch. Er will definitiv lernen, geht den Sachen auf den Grund, ist offen, aufgeschlossen, aufgeweckt und selbstbewusst.

Sie hört nicht auf Verbote, sie muss alles ausprobieren!

Sie sucht nämlich intensiv nach Beziehungen zwischen Ursache und Wirkung! Sie möchte, nein muss wissen, wie es sich anfühlt, wie es funktioniert. Sie verlangt Beweise: Es könnt ja auch ganz anders sein! Es wird deutlich, dass sie lernen will und unglaublich wissbegierig, informationsfreudig sowie vielseitig interessiert ist. Darüber hinaus ist sie extrem mutig und experimentierfreudig. Sie hat Forscherdrang, wird bestimmt auch mal Forscherin, denn sie ist offen für Neues und hoch motiviert.

Ich kann nicht mehr - er gibt keine Ruhe!

Er mag keine Unklarheiten und Unlogik, deshalb fragt er immer weiter. Oder ihm fehlt der Sinn, er sucht nach dem Grund, es fehlt ihm noch ein Puzzlestück, um sich das Gesamte zu erschließen. Fest steht jedenfalls, dass er kommunikativ ist und immer was zu sagen hat. Er vertritt seinen Standpunkt. Er erzählt gern, hat Ausdauer, bleibt am Ball, ist aufgeweckt, voller Tatendrang, bewegungsfreudig, hat viel Energie. Er ist unermüdlich, konsequent, zielstrebig.

Sie ist immer so direkt und undiplomatisch. Sie macht sich keine Freunde!

Das liegt ganz klar daran, dass sie ohne Falsch ist: Sie betont Wahrheit, Gleichheit und Fairness, ist offen, ehrlich, klar und deutlich. Spontan und aus dem Bauch heraus sagt sie, was sie denkt. Ohne Umschweife, unverblümt. Sie weiß genau, was sie will, kommt schnell auf den Punkt, ist emotional. Dabei achtet sie gut auf sich, äußert ihre eigenen Bedürfnisse und vertritt ihre Interessen. Sie hat keine Angst vor Konfrontationen.

Er hinterfragt Grundsätzliches!

Na klar, er hat nämlich Großes vor: Er möchte die Welt verändern - und zwar zum Besseren! Er sorgt sich sehr um humanitäre Bedingungen und setzt sich mit den Regeln der Welt auseinander. Er tauscht sich gern aus. Er möchte lernen, ist interessiert, wissbegierig, selbstbewusst und hat seinen eigenen Kopf. Er möchte wirklich verstehen. Vielleicht  sucht er auch einfach nach Sicherheit und Schutz.

Sie will alles bestimmen!

Oder so: Sie möchte Dinge und Menschen organisieren, denn sie weiß, wo es langgeht. Sie hat viele eigene Ideen und kann dafür auch Verantwortung übernehmen. Bestimmt wird sie mal Chef. Auf jeden Fall zeigt sie enorme Führungsqualität. Sie geht planerisch vor, ist strukturiert, kann sich behaupten, ist durchsetzungsfähig, durchsetzungsstark, selbstbewusst, kommunikativ, meinungsbildend - und dabei kreativ. Willkommen im 21. Jahrhundert! 

Er verkompliziert immer alles!

Nein, er konstruiert lediglich komplizierte Regeln, denn er ist in der Lage, komplexe Sachverhalte zu erkennen und zu analysieren. Er konstruiert umfangreiche Inhalte. Er plant, plant langfristig, plant weit voraus. Er denkt größer und schaut über seinen Tellerrand hinaus. Dazu kann er um Ecken denken, ist vorsichtig und verhalten. Er nimmt sich die Zeit, die er braucht. Er ist selbst sehr komplex.

Sie ist schrecklich altklug. Ständig hängt sie bei den Erwachsenen rum!

Durch ihr großes aktives Vokabular ist sie sprachlich sehr weit, ist sprachbegabt, redegewandt und mitteilungsfreudig. Mit Gleichaltrigen kann sie nicht so viel anfangen. Sie kann gut erklären, verfügt über viele Informationen, die ihrem Alter voraus sind, wirkt weise, klug, schlau, originell. Sie weiß einfach viel, ist interessiert und macht sich zu allem Gedanken.

Egal, was ich ihm anbiete, er ist immer unzufrieden!

Er setzt hohe Erwartungen an sich selbst und andere, ist anspruchsvoll, strebt nach mehr, hat generell ein hohes Perfektionsstreben. Er ist kritisch und überlegt genau. Er setzt sich stetig neue Ziele - da bleiben Erwartungen auch mal unerfüllt. Aber er ist konzentriert. Vielleicht ist er einfach nicht ausgelastet, oder er braucht noch Zeit zum Ankommen.

Sie ist ein echter Querkopf - immer gegenan!

Sie ist phantasievoll, kreativ und erfinderisch, geht neue Wege. Eine Querdenkerin, die um Ecken denken kann. Sie denkt ganz viel nach, hat eigene Ideen, vertritt ihre eigene Meinung, probiert sich aus. Sie zeigt einen aktiven Denkprozess, ist durchsetzungsfähig und selbstbewusst, weiß, was sie will. Vielleicht ist sie nicht ganz so gut geerdet...

Er ist schrecklich stur!

Er kann sich äußerst intensiv konzentrieren, lässt sich von seinen Interessen nicht ablenken, ist ausdauernd, konsequent, gradlinig, standhaft, beharrlich, willensstark, selbstbewusst. Er kann seine eigene Meinung vertreten, Wünsche und Ziele äußern, ist individuell, weiß, was er will. Außerdem bleibt er bei dem, was er sich vorgenommen hat und zeigt deutliches Durchhaltevermögen.

Sie ist bestimmt hyperaktiv!

Ganz bestimmt nicht! Nur weil sie energiegeladen, wach, voll Energie, lebendig, motiviert ist? Sie zeigt eine motorische Begabung und gute Körperbeherrschung, ist sportlich, bewegungsfreudig, aktiv, immer unterwegs, geradezu agil. Sie ist immer voll bei der Sache. Sie setzt einfach alles, was ihr im Kopf herumspukt, gleich in Bewegung um. Sie ist sinnesoffen, aufgeweckt - und ausdauernd.

Er wirkt irgendwie etwas oberflächlich!

Das wirkt vielleicht nur so! Ich dachte auch mal, dass mein Sohn sich nicht für das Deutsche Museum in München interessiert hätte, weil er so schnell durch die Räume spaziert war, ohne sich etwas gezielt anzugucken. Aber zu Hause kam die Überraschung, als er minutiös die Exponate beschrieb, die ihn wohl doch fasziniert hatten. Er verarbeitet Sinnesreize also unglaublich schnell. Er organisiert sich selbst. Außerdem hat er sehr unterschiedliche Interessen und Fähigkeiten, ist vielseitig. Er sieht die schönen Dinge, ist unkompliziert, geht steil nach vorn, nimmt das Leben leicht, lebt in Gelassenheit und mit Leichtigkeit. Oder er sieht einfach alles etwas sachlicher.

Warum ist sie bloß so eigensinnig?

Sie ist unabhängig, zieht individuelle Arbeit vor und hat dabei eine hohe Eigensteuerung. Sie arbeitet effektiv, ergebnisorientiert und wünscht sich, schnell zum Ziel zu kommen. Sie hat ihre eigene Denkweise, ist kreativ, ist individuell, einfach ein Charakter. Gleichzeitig ist sie auf sich bezogen und selbstbesonnen. Sie scheint niemand anderen zu brauchen, genügt sich selbst, ist willensstark, selbstbewusst und verfolgt eigene Ziele. Dabei achtet sie gut auf sich und kann für sich selbst sorgen.

Er ist unfassbar frech!

Das kommt von seinem starken Sinn für Humor. Er ist nämlich ein "kleiner Michel", ist erfrischend, lebensfroh, phantasievoll, wortgewandt, wortstark, schlagfertig. Verhaltensoriginell eben - und dabei sehr charmant! Er zeigt sich mutig, selbstbewusst, keck, herausfordernd - und er hat seine eigene Meinung. Zudem weiß er sich zu rechtfertigen, seinen Standpunkt deutlich zu machen. Auf jeden Fall kann er sein Gegenüber gut einschätzen. Er probiert sich aus, testet aus, lotet Grenzen aus. Einfach nur cool!

Und nun wünsche ich viel Spaß beim Neuformulieren mit dem positiven Blick!

PS: Ich danke allen Teilnehmern meiner Seminare "Vom Elterngespräch zur Bildungs- und Erziehungspartnerschaft" und des DGhK-Gesprächskreises "Hochbegabung und Hochsensitivität" für ihre zahlreichen Ideen.

 

 
Stimmen haben mich schon immer fasziniert. Den bewussten Weg in meine eigene Stimme begann ich während meiner Ausbildung zur Logopädin vor über 20 Jahren. Unsere Sprecherzieherin war damals verblüfft, dass ich als private Britta ein total verhauchtes Stimmchen hatte, aber sobald ich z.B. ein Gedicht aufsagen durfte, ein Stimmvolumen aufbringen konnte, das mühelos einen ganzen Saal beschallte. Warum auch nicht? In meiner Logik war das ja sozusagen nicht ich, die da sichtbar war, sondern eine Rolle, die nichts von mir preisgab. Ich habe lang daran gearbeitet, die Kraft meiner Bühnenstimme auf meine persönliche Stimme zu übertragen, und es hat mich viel Mut gekostet, wirklich standfest und hörbar zu sein. Exzessives Theaterspielen hat mir beim Ausprobieren sehr geholfen. Meine Geschichte ist auf jeden Fall ein lebendiges Beispiel dafür, dass ein großer Teil der Persönlichkeit sich in der Stimme ausdrückt (nicht zuletzt bedeutet „per sonare“ ja „durchklingen“). Und dass es sich lohnt, bewusst daran zu wachsen.

Mein Herz schlägt seitdem für alle Menschen, die Schwierigkeiten mit ihrer Stimme haben. Das erste Seminar, das ich jemals ausgearbeitet habe, war demnach 2003 ein Seminar mit dem Titel „Körperarbeit und Stimme“. Dass Körperarbeit und Atmung die Schlüssel für einen physiologischen Stimmklang sind, war ein Geschenk für mich aus der Ausbildung. Im Laufe der Zeit hat sich mein Schwerpunkt in Richtung „Stimmprävention“ mit einem höheren individuellen Coachinganteil weiterentwickelt, und diesem Weg möchte ich auch als Arts & Change Coach eine Richtung geben. Natürlich kommen nicht alle Stimmprobleme aus dem Inneren, wie es bei mir war, es gibt schlicht Risikoberufe, in denen man leicht in eine chronische Stimmüberlastung geraten kann. Mein natürliches Habitat – das kommt aus meiner Qualifikation als Trainerin für alltagsintegrierte Sprachförderung – ist dabei meist die Kindertagesstätte. Ich bin allerdings speziell ausgebildet für die Lehrerstimme und es kommen auch immer wieder motivierte Lehrerinnen in meine Seminare.

Wir erarbeiten gemeinsam die Wirkfaktoren, die eine gesunde Stimmgebung bedingen. Als diese habe ich das stimmschonende Verhalten, die stimmfreundliche Umgebung und die positive Gesprächssituation herausgearbeitet, die es zu gestalten gilt. Beim Schreiben dieses Artikels erkannte ich, dass sich daraus ein schlüssiges und anschauliches Modell ergibt, das mir leicht fiel, zu visualisieren. Es ist in den Jahren eine beachtliche Ideensammlung zustandegekommen, die bestimmt auch zum Teil auf andere Berufe zu übertragen geht. Lehrer- und Erzieherstimmen jedoch sind allein durch die hohe Lärmbelastung (unter anderem in der Qualität von Düsenjets von bis zu 120 dB - in Turnhallen gemessen) besonders stark gefährdet.

Wirkfaktoren der Stimmgesundheit_Beitta Weinbrandt

Gestaltung einer stimmfreundlichen Umgebung

Um möglichst geringe Nachhallzeiten zu erreichen, ist glücklicherweise in den meisten Einrichtungen bereits ein Schallschutz eingebaut. Günstig sind niedrige Deckenhöhen. Ein gutes Raumklima bedeutet eine ausreichende Luftbefeuchtung – notfalls feuchte Handtücher auslegen – und Belüftung.

Viele helfen sich mit Schallschluckern wie gepolsterten Tischdecken oder Tischsets, Raumteilern, Wandbildern und Gardinen, auch Pflanzen werden dafür eingesetzt. Manche bekleben Stühle mit den Bildern der Kinder, um lautes Stühlewechseln und -rücken zu vermeiden. Geräuscharmes Spielzeug kann angeschafft werden oder zumindest Spielzeugkisten, die lautes Spielzeug wie Bauklötze beherbergen, mit einer Schallisolierung ausgelegt werden.

Für den Versuch, Hintergrundlärm mit erhöhter Lautstärke zu übertönen, gibt es sogar einen Namen: Lombard-Effekt. Ein Sprecher, der von anderen gehört werden will, muss ganze 15 dB über dem allgemeinen Schallpegel liegen. Das ist auf Dauer anstrengend. Wikipedia setzt den Begriff Lärmschutz „nicht gleichbedeutend mit dem Begriff Schallschutz. Schall ist eine messbare Größe. Erst durch nicht messbare individuelle oder sozio-kulturelle Aspekte wird Schall zu störendem Schall, zu Lärm.“ Um Schallpegel zu messen, muss man sich kein Profigerät anschaffen, es lassen sich dafür leicht Apps herunterladen. Reizüberflutung in Räumen zu vermeiden und ein Bewusstsein für die Geräuschkulisse zu schaffen, ist sehr hilfreich.

  • Wenn die eigene subjektive Grenze erreicht ist, sollte man die anderen aufmerksam machen auf die Lautstärke (auch die anderen Mitarbeiter).
  • Eine Erzieherin erzählte kürzlich von einem aus Tonkarton ausgeschnittenen „roten Ohr“, das an einem Stab befestigt für alle zugänglich an der Wand hängt und bei zu hoch empfundener Lautstärke eingesetzt wird. Und zwar sowohl von den Erwachsenen als auch von den Kindern. Für die Gruppe ist dies ein Zeichen, bitte leiser zu sein, und es wird gut akzeptiert.
  • Eine Lärmampel macht eine objektiv zu hohe Lärmbelastung durch das rote Licht und ein akustisches Alarmsignal für alle fühlbar, es kann jedoch auch nach hinten losgehen, dass Kinder es als Sport betrachten, den Alarm auszulösen. Das sollte unter Umständen also nur dosiert eingesetzt werden.
  • Am schönsten fand ich, als eine Erzieherin mir berichtete, sie würde einfach ein Lied singen, wenn es ihr zu laut würde, und alle Kinder im Raum machten dann automatisch mit, egal, was sie gerade täten. Danach sei es immer ruhiger als vorher. Dies funktioniere auch beim Tischdecken.

Laufwege kann man gezielt versuchen, zu vermeiden. Gleichzeitig müssen natürlich Bedingungen geschaffen werden, in denen die Kinder laufen, schreien, rennen… dürfen. Ein Faktor einer besonders leisen Stimme kann auch sein, dass uns selbst in der Kindheit das Laut-sein-dürfen abtrainiert wurde. Dem sollten wir in der Folgegeneration entgegenwirken. Viel rausgehen also. Oder im Nebenraum für die Kinder alternative Möglichkeiten anbieten. Kleingruppenarbeit verringert ebenfalls die Belastung deutlich.

Entspannungsphasen sind ebenso als Stimmschonung zu betrachten. Sprechpausen sind wertvoll und können bewusst zu Schweigeminuten ausgedehnt werden.

  • Die klassischste Stilleübung, die jedem zuerst einfällt, ist Stille Post.
  • Wir können sie auch zu wunderschönen Ritualen werden lassen, z.B. indem jedes Kind nacheinander Seidenpapier in eine gläserne Wasserkaraffe fallen lässt und schweigend beobachtet, wie die Farbe sich mit dem  Wasser vermischt.
  • Oder die Kinder hören regelmäßig (mit steigerbaren Zeitlängen – anfangs nicht mehr als eine Minute) mit geschlossenen Augen bei geöffnetem Fenster, was sie dort alles wahrnehmen.
  • Oder sie lauschen bewusst dem verklingenden Ton einer Klangschale oder Triangel nach.
  • Ich liebe auch den Schreibtanz, bei dem zu Musik großflächig mit beiden Händen gleichzeitig gemalt wird.
  • Oder die Kinder zünden nacheinander Stillekerzen an, die zum Beispiel in einer „Adventsspirale“ abgestellt werden.
  • Weitere Aktivitäten wie Fußmassagen oder die Arbeit mit Igelbällen können eingeführt werden.
  • Auch Bewegungsangebote wie Kinderyoga oder Eurythmie wirken stimmschonend.
  • Snoezelen bedeutet viel Sensorik, Licht, Duft, leise Musik, selbst ein Wasserbett ist denkbar.
  • Das tickende Ei aus "Häuptling Wackelnix", das bei zu starker Erschütterung in Gelächter ausbricht, kann ebenso eingesetzt werden.
  • Eines meiner beliebtesten Spielideen ist und bleibt meine Kiste mit den dreizehn Eieruhren, die ich alle gleichzeitig tickend im Raum verstecke und wieder auffinden lasse – da muss man automatisch leise sein...
  • Oder die Kinder stellen sich vor, eine bestimmte Pflanze zu sein. Womit wir bei den klassischen Entspannungs- und Traumreisen angekommen sind.

Achtsamkeit ist in der Erwachsenenwelt das neue Zauberwort, die Grundlage aller Stimmarbeit ist die Wahrnehmung (wie soll ich sonst was ändern können?). Entspannung zu erfahren ist demnach generell eine der größten Stellschrauben für eine wohlklingende Stimme.

Kritisch sind immer die Übergänge von einer Aktion in die nächste, da die Kinder über etwas informiert oder zu etwas zusammengetrommelt werden müssen. Mit diesem Wort ist jedoch schon die stimmfreundliche Lösung angedeutet:

  • Werden akustische Signale eingeführt, muss nicht zum Aufräumen gerufen werden, sondern die Kinder kommen, wenn die Klangschale ertönt. Die Klingel (z.B. aus Halli Galli) bedeutet, dass der Morgenkreis beginnt, eine afrikanische Harfe ist das Signal zum Zuhören, die Trommel ruft zum Sport, der Gong lädt zum Essen ein. Die Einsatzmöglichkeiten sind nahezu grenzenlos.
  • Ebenso eignen sich Mimik und Gestik. Handzeichen wie der "Leisefuchs" sind sehr bekannt (aber neuerdings umstritten, da eine rassistische rechtsextreme Gruppierung in der Türkei sie verwendet und Kurden dadurch unnötig provoziert werden. Als Ersatz nehmen manche das Victory-Zeichen oder „alle Finger hoch“). Wenn die Hände in einem großen Kreis auf Bauchhöhe zusammengeführt werden, kann dies ein Symbol zum Versammeln in der großen Runde sein. Viele bringen den Kindern das „Stopzeichen“ mit der ausgestreckten Hand am ausgestreckten Arm zur Konfliktvermeidung (und somit Lautstärkereduktion) bei.
  • Anhand bestimmter Linien/Bodenmarkierungen kann verdeutlicht werden, ab wann z.B. schnelleres Laufen erlaubt ist (oder eben nicht).
  • Leises Runterzählen ist möglich.
  • Klatschspiele können als Aufforderung mit erwarteter Klatsch-Antwort gestaltet werden.
  • Ich kann auch die Erwartungshaltung der Kinder ausnutzen, indem ich ein Signal durch Hinsetzen gebe oder durch Einfrieren in der Position, in der ich mich gerade befinde, bis alle es wahrgenommen haben und gefolgt sind.
  • Ich kann ebenso die eigene Stimme senken, um den Außenlärm zu senken oder erst reden, wenn alle leise sind, um die Kinder dadurch erst leise zu kriegen.

Bewusste Körperpräsenz kann solche Strahlkraft entwickeln, dass alle mich anblicken „müssen“. Existentiell ist eigentlich, dass ich den Kindern ganz klare Regeln setze, damit sie noch im Schlaf wissen, was bei welchem Signal zu tun ist, und zwar vorzugsweise von Anfang an. Schließlich geht es – wie in eigentlich allen Lebenslagen – auch darum, den Kindern mit dem eigenen Verhalten ein Vorbild zu sein.

Mit den letzten Beispielen sind wir schon ein wenig bei den Faktoren gelandet, die ich durch mein persönliches Verhalten steuern kann. Schnittstelle zwischen diesen beiden Bereichen der stimmfreundlichen äußeren Umgebung und meinen eigenen stimmschonenden Aktivitäten ist definitiv die Selbstfürsorge. Wie viel ist mir meine Stimme wert? Wie viel bin ich bereit, selbst dafür zu tun, dass es mir - und somit auch meiner Stimme - gut geht (nicht umsonst besteht eine Wortverwandtschaft zwischen „Stimme“ und „Stimmung“)? Erst dann nämlich komme ich auf die Idee, mir dafür aktiv günstigere Voraussetzungen zu schaffen.

Passe ich erst auf mich auf, wenn ich schon Probleme mit meiner Stimmbelastbarkeit wahrnehme, oder achte ich bereits von Anfang meines Berufslebens an darauf, meine Stimme zu schonen? Obwohl fast 60 Prozent der Lehrer im Laufe ihres Berufslebens aufgrund einer Stimmstörung einmal arbeitsunfähig werden, kommt es ja leider erst schleppend in der Ausbildung von Pädagogen an, dass man da nicht nur präventiv vorgehen könnte, sondern das auch sollte. Ich freue mich daher, dass ich in diesem Jahr erstmals an einer Erzieherfachschule Stimmprävention als Wahlpflichtfach „unterrichten“ werde. Denn man kann sich nur präventiv schützen, wenn man weiß, wovor! Aber wie kann das nun gehen?

Stimmschonendes Verhalten

Bei allem, was ich hier zusammenfasse, möchte ich vorab noch einmal deutlich herausstellen, dass es sich wirklich um Prävention handelt. Hinweise auf eine sich entwickelnde oder bereits bestehende Stimmstörung sind u.a. beginnendes Stimmversagen, Räusperzwang und Heiserkeit, und diese sollte nicht länger als drei Wochen dauern. Bei Verdacht empfiehlt sich unbedingt eine Vorstellung beim Phoniater. Dann helfen die folgenden Maßnahmen nicht mehr nur ohne längerfristige therapeutische Unterstützung.

Das wichtigste zu wissen ist sicherlich, dass die Stimmkraft nicht allein aus dem Kehlkopf geholt, sondern mithilfe des ganzen Körpers gebildet wird. Hier gilt es, einerseits „von unten“ unter dynamischem Einsatz des Zwerchfells aus einem guten Bodenkontakt heraus in eine gute Vokalisation zu kommen, als auch diese „von oben“ durch ausformulierte, entspannte Sprechbewegungen zu unterstützen. Ich werde häufig belächelt, wenn ich von Pädagogen als „Berufssprechern“ rede, aber die Stimme wird nun mal deutlich benötigt! Jeder Sportler weiß, dass er vor seiner nächsten Höchstleistung Aufwärmübungen, ja sogar anschließend Cooldownübungen einsetzen muss, um keine Probleme mit seiner Muskulatur zu bekommen. Die Stimmlippen sind auch Muskeln….

  • Eine gute Körperspannung, die nicht zu schlaff aber auch nicht überspannt ist, wird von einer aufrechten Körperhaltung unterstützt, die weder eingesunken noch überstreckt ist.
  • Standfestigkeit, also mit beiden Beinen bewusst auf dem Boden zu stehen, die Knie dabei locker zu halten und an ein lockeres Kiefergelenk zu denken, begünstigt eine ebenfalls lockere Stimmgebung.
  • Es genügt, morgens und zwischendurch kurze aktivierende Bewegungseinheiten einzubauen, und wenn ich mich nur kurz mit den Händen von Kopf bis Fuß abklopfe oder meine Arme hin und her schwinge.
  • Es wäre wünschenswert, sich für diese kurzen Übungen eine, gern auch mehrere, feste Tageszeiten zu etablieren.
  • Bewusstes Gähnen ist sehr hilfreich und vertieft die Atmung.
  • Atemübungen vielfältigster Arten dürfen schamlos aus allen Bereichen geklaut und eingesetzt werden, gern auch aus dem Gesangstraining und dem Yoga.
  • Flüstern ist keine Stimmschonung und strapaziert die Stimmlippen enorm. Lieber leiser sprechen.
  • Dasselbe gilt für Räuspern, das starke Reibung und Reizung erzeugt. Lieber Husten.
  • Die physiologische Sprechstimmlage ist durch die Länge der Stimmlippen bestimmt. Unter Belastung verlieren wir sie manchmal, deswegen ist es sinnvoll, sich auf sie zurückzubesinnen. Dies geschieht durch genüssliches Kauen, wodurch der mühelose, uns natürlich gegebene Stimmklang entstehen kann. Ein „mmh“ kann man auch beim Telefonieren beim Signalisieren des Zuhörens, als bewusste Stimmübung ansehen.
  • Man kann mundmotorische Übungen mit den Kindern mitmachen (das wird mein nächster Artikel werden).
  • Lutschbonbons helfen und werden häufig genannt, z.B. GeloRevoice, Emser Salze, Isla Moos. Von Eukalyptus und Menthol wird abgeraten.
  • Es sollte auf ausreichende Flüssigkeitszufuhr geachtet werden, 2-3 l täglich.

Das wichtigste Element bei allen genannten Beispielen ist es, sich selbst und die eigenen Bedürfnisse wahr- und ernstzunehmen, und sich vielleicht auch einmal zu erlauben, sich aus der Gruppe abmelden und zurückziehen zu können, um in eine wirklich erholsame Pause zu gehen. Mir wird z.B. häufig von bewusst gestalteten Toilettengängen mit kurzen Entspannungs- und Bewegungsmomenten berichtet, die ja offenbar schwierig genug zu organisieren sind. Allein für einen kurzen Augenblick den Atem wahrzunehmen, kann Wunder wirken.

Bislang wurde eher von Situationen innerhalb einer Kinderhorde gesprochen. Was die Mitteilungen an eine Gruppe angeht, so hilft

  • direkte Ansprache
  • kürzere Sätze zu sprechen
  • nicht so viel zu erklären
  • zielorientiert zu sprechen
  • Sprechpausen zu setzen.

Bei den folgenden Hinweisen, die ich gesammelt habe, geht es bereits um den Dialog, häufig in der Einzelsituation mit den Eltern, aber auch mit den Teamkolleginnen. Und wenn ich etwas gelernt habe, dann dass in Seminaren, in denen es um Kommunikation im allgemeinen geht, sehr oft die Gefühle hochschaukeln. Da geht es um ein Kind, das einem am Herzen liegt, und man erwünscht sich für eine gute Entwicklung von den Eltern eine bestimmte Intervention – und diese lassen nicht mit sich reden oder sehen die Sache ganz anders. Das verursacht zusätzlichen Stress. Aus der Reflexion meines Wirkens als Logopädin heraus bin ich der tiefen Überzeugung, dass die meisten zwischenmenschlichen Probleme Ausdruck mangelnder oder unzureichender Kommunikation sind. Eine zusätzliche Herausforderung sehe ich in einem gelassenen Umgang mit beteiligten Emotionen.

Deshalb sehe ich ganz klar Stressregulation als die Schnittstelle zu einer idealen Gesprächssituation. Nur wenn ich sozusagen in meiner Mitte ruhe, kann ich die stressbedingten Fluchtimpulse der galoppierenden Emotionen, die die Atemfrequenz und die Muskelanspannung erhöhen, umwandeln und in einer entspannten Atemtiefsetzung bleiben. Da dies sehr viel mit der Stimmgebung zu tun hat, macht es für mich den dritten großen Faktor aus, an dem pädagogische Fachkräfte etwas für ihre Stimme tun können. Daher frage ich sie regelmäßig, was sie sich denn für ein phantastisch laufendes Gespräch wünschen. Die Antworten klingen sehr schön.

Idealer Gesprächspartner und optimale Gesprächssituation

Stimmige Rahmenbedingungen sind bereits durch angemessene Räumlichkeiten mit einem angenehmen Raumklima geschaffen. Einen Gesprächsrahmen setzen eine gute Begrüßung und Verabschiedung mit Zusammenfassung des Gesagten. Eine gute Vorbereitung und gute Beziehung zum Gesprächspartner geben Sicherheit. Gegenseitige Sympathie wäre schön. Es geht um ein Miteinander in entspannter Atmosphäre, mit gelebter Offenheit und Empathie, in der alles in Ruhe und Gelassenheit angesprochen werden kann. Auf momentane Befindlichkeiten wird geachtet. Es gibt Pausen.

Die Sprecher selbst sind sich gegenseitig ein Vorbild. Sie halten freundlichen Augenkontakt und respektieren und wertschätzen sich. Sie reden in angemessenem Sprechtempo, artikulieren deutlich verständliche Laute in angenehmer Lautstärke, verwenden einen differenzierten Wortschatz und sprechen strukturiert und in nachvollziehbarer Reihenfolge logisch aufeinander aufbauend auf ein Ziel hin, erzählen zusammenhängend. Sie atmen dabei. Die Sätze sind kurz.

Selbstverständlich zeigen sie Sprechfreude, setzen nonverbale Zeichen ein, lebendige Mimik und unterstreichende Gestik. Man hört ihnen gern zu, denn sie verwenden Betonung und Sprachmelodie. Zuhören geschieht aktiv und intensiv, das Gespräch wird in einem Dialog fließen gelassen, in dem jeder zu Wort kommt, den anderen ausreden lässt, und auch einmal „aushalten“ kann, auf die nächste Redezeit zu warten. Inhalt geht strikt vor Form. Es gibt nicht zu viele Fragen, und wenn, dann werden offene Fragen gestellt.

Die wirkliche Professionalität zeigt sich auch hier in der Selbstfürsorge, durch Eigenstärkung und Loslassen: Die Verantwortung für den Gesprächsausgang kann abgegeben werden, indem z.B. ein Gesprächsprotokoll unterschrieben wird. Die pädagogische Pflicht ist jedenfalls mit der Gesprächsführung an sich getan.

Daher ist meines Erachtens die hier anschließende Schnittstelle die Gesprächskultur, in der jede pädagogische Fachkraft innerhalb ihrer Einrichtung eingebettet ist. Und die wird meist von der Leitung bestimmt. Das allgemeine Arbeitsklima ist für den Wohlfühlfaktor und somit für den Erhalt einer gesunden Stimme nicht zu unterschätzen.

Ich danke allen Teilnehmerinnen der Seminare „Stimmprävention für pädagogische Fachkräfte“ für ihre tatkräftige Unterstützung.

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